Sommersonnenwende – wenn das Licht seinen Höhepunkt erreicht
- Barbara Pramböck
- vor 8 Minuten
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Was uns das Fest der Sommersonnenwende über Fülle, Dankbarkeit und innere Ausrichtung lehren kann.

Jedes Jahr rund um den 21. Juni geschieht etwas Besonderes: Die Sonne erreicht ihren höchsten Stand am Himmel. Es ist die Zeit der Sommersonnenwende – der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres.
Sie markiert einen Wendepunkt im Jahreskreis: Das Licht hat seinen Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig beginnt – kaum wahrnehmbar – bereits die Rückkehr der Dunkelheit. Die Tage werden wieder kürzer.
Gerade darin liegt eine tiefe Weisheit, die auch in unser aller Leben bedeutsam ist: Nichts bleibt für immer gleich. Jeder Höhepunkt trägt bereits den Samen der Veränderung in sich.
In unserer Zeit, in der wir glauben, fast alles kontrollieren und festhalten zu können, ist das etwas, was uns möglicherweise beunruhigt oder sogar Angst macht. Hier kann ein zyklischer Blick auf die Welt und das Leben sehr viel Entlastung bringen.
Historische Wurzeln: Feuer, Gemeinschaft und Dankbarkeit
Die Sommersonnenwende wurde in vielen Teilen Europas gefeiert – lange bevor es moderne Kalender gab. Die Sonne spielte besonders im mittel- und nordeuropäischen Raum eine besonders essentielle Rolle für das Überleben, da sie Wärme und reiche Ernten garantierte.
Gefeiert wurde die Fruchtbarkeit der Erde und die Dankbarkeit für das Licht. Menschen versammelten sich um große Feuer, die sogenannten Sonnwendfeuer, oft auf Bergen entzündet, tanzten, sangen und feierten gemeinsam.
Die Feuer sollten Schutz schenken, Fruchtbarkeit fördern und symbolisch die Kraft der Sonne stärken, aber auch die Ernte beschützen und böse Geister sowie Krankheiten vertreiben. In manchen Regionen sprangen Paare gemeinsam über die Flammen – als Zeichen für Glück, Verbundenheit und einen guten gemeinsamen Weg.
Um das uralte Brauchtum zu integrieren, legte die Kirche das Fest auf den 24. Juni (Johanni) – den Geburtstag von Johannes dem Täufer, der als "Lichtbringer" galt.
Auch das Sammeln von Heilpflanzen spielte eine wichtige Rolle, denn zur Sommersonnenwende wird der Höhepunkt der Heilkraft in Pflanzen gefeiert. Typische Pflanzen wie Johanniskraut, Schafgarbe oder Kamille werden gesammelt, getrocknet oder zu heilsamen Ölen verarbeitet. Die Menschen dankten für die Fülle der Natur, für das Wachstum der Felder und die Gemeinschaft, die sie trug. Mit Bündeln aus heimischen Kräutern (wie Salbei oder Beifuß) wurden und werden heute noch Räume gereinigt, um sie für die zweite Jahreshälfte energetisch aufzuladen.
Dabei interessant ist, dass die Menschen nicht erst dann feierten, wenn die Ernte vollständig eingebracht oder die Arbeit erledigt war. Die Sommersonnenwende lag mitten im landwirtschaftlichen Zyklus. Die Felder standen in Blüte oder begannen Früchte zu tragen, aber die eigentliche Ernte lag vielerorts noch vor ihnen. Dennoch wurde innegehalten, gemeinsam gefeiert, getanzt, gedankt und die Fülle wahrgenommen, die bereits sichtbar war.
Darin könnte man eine moderne Botschaft erkennen: Es braucht nicht erst den perfekten Abschluss, die vollständige Leistung oder das endgültige Ziel, um das Erreichte zu würdigen. Die Menschen erlaubten sich, mitten im Tun zu feiern.
Auch waren diese Feste keine rein spirituellen Rituale. Sie erfüllten auch wichtige soziale Funktionen: Sie stärkten Zugehörigkeit, Verbundenheit und Hoffnung – Ressourcen, die wir heute aus der psychologischen Forschung als wichtige Schutzfaktoren für unsere seelische Gesundheit kennen.
Das Licht und die Dunkelheit
Auf den ersten Blick scheint die Sommersonnenwende ein Fest des Erfolgs zu sein: Alles blüht. Die Natur steht in ihrer Kraft. Das Leben zeigt sich in seiner ganzen Fülle.
Doch die Natur erinnert uns gleichzeitig daran, dass Entwicklung zyklisch verläuft. Gerade wenn etwas seinen Höhepunkt erreicht, beginnt bereits die nächste Phase.
Auch in unserem Leben kennen wir diese Momente:
Wenn wir lange auf ein Ziel hingearbeitet haben und uns plötzlich fragen: „Und jetzt?“
Wenn wir nach außen funktionieren, aber innerlich spüren, dass etwas Neues entstehen möchte.
Wenn wir erkennen, dass Wachstum nicht nur aus Leistung besteht, sondern auch aus Innehalten.
In der psychosozialen Beratung begegnen mir diese Übergänge häufig. Menschen kommen nicht nur in Krisen. Manchmal, leider viel zu selten, suchen sie Begleitung genau dann, wenn äußerlich alles „gut“ aussieht und dennoch Frage auftauchen wie: Entspricht das Leben, das ich führe, noch dem Menschen, der ich heute bin? Was möchte ich loslassen, weil es nicht mehr passt, die Saat nicht mehr aufgeht, und was möchte ich weiterverfolgen, vielleicht auch ganz neu beginnen?
Und oft ist das sogar der beste Zeitpunkt, um sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Nicht, wenn ich mitten in der Krise stecke, sondern dann, wenn ausreichend Ressourcen vorhanden sind, damit ich mich den tieferen Themen zuwenden kann, die unter der Oberfläche verborgen sind.
Die Sommersonnenwende lädt uns ein, diese und ähnliche Fragen ehrlich zu betrachten.
Was dürfen wir heute von von der Sommersonnenwende mitnehmen?
Vielerorts werden auch heute noch große Feuer entzündet und ausgelassen gefeiert. Besonders schön ist das, wenn die Glühwürmchen mit dem Feuer um die Wette leuchten.
Viele Menschen haben heute ein Interesse daran, alte Bräuche wiederzubeleben und sich wieder mehr mit den Zyklen der Natur zu verbinden.
Doch vielleicht geht es gar nicht so sehr darum, alte Bräuche exakt nachzuvollziehen, sondern ihre dahinterliegende Haltung wiederzuentdecken:
innehalten statt ständig weiterrennen,
Erfolge, auch kleine auf dem Weg, wahrnehmen statt sofort zum nächsten Ziel überzugehen,
Dankbarkeit kultivieren statt den Fokus ausschließlich auf das Fehlende zu richten,
Gemeinschaft pflegen statt alles allein tragen zu wollen,
dem eigenen inneren Kompass wieder zuzuhören.
Die Natur kennt keinen linearen Leistungsdruck.
Sie kennt Phasen von Wachstum, Blüte, Reife, Rückzug und Neubeginn.
Auch wir dürfen uns erlauben, zyklisch zu leben.
Fragen zur Selbstreflexion
Vielleicht möchtest du dir rund um die Sommersonnenwende etwas Zeit nehmen und dich fragen:
Worauf bin ich in den vergangenen Monaten stolz?
Was ist seit dem Winter in meinem Leben gewachsen?
Welche Samen, die ich gesät habe, tragen bereits Früchte?
Welche Samen werden vielleicht nicht mehr aufgehen und dürfen losgelassen werden, damit Energie nicht dort gebunden bleibt?
Welche Stärken haben mich bis hierher getragen?
Wo darf ich meine Erfolge mehr würdigen?
Was nährt mich wirklich?
Welche Beziehungen schenken mir Kraft?
Wo zehre ich von alten Mustern, obwohl ich längst anders leben möchte?
Was möchte ich in der zweiten Jahreshälfte bewusst pflegen?
Welches Licht in mir möchte noch sichtbarer werden?
Wo in meinem Leben ist es mir gelungen, Licht und Schatten in eine gute Balance zu bringen?
Es gibt dabei keine richtigen oder falschen Antworten.
Allein das ehrliche Hinschauen kann bereits Veränderung anstoßen. Denn die Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Sonnwendrituale zur persönlichen Weiterentwicklung
1. Das Dankbarkeitsfeuer
Entzünde eine Kerze oder ein Feuer in einer Feuerschale. Verbinde dich ganz bewusst mit der Kraft der Sonne, die auch dich wärmt und nährt.
Schreibe auf einzelne Zettel:
Wofür bin ich dankbar?
Was ist mir gelungen?
Welche Eigenschaften an mir schätze ich?
Lies sie dir laut vor. Es macht noch einmal einen großen Unterschied, die Worte laut auszusprechen und zu hören, anstatt sie nur zu schreiben und zu lesen.
Wenn du Zugang zu einer Feuerschale hast, kannst du die Zettel anschließend dem Feuer übergeben – nicht um sie loszulassen, sondern als symbolische Würdigung dessen, was bereits da ist.
Alternativ kannst du sie in einem Glas sammeln und zu einem späteren Zeitpunkt wieder lesen.
2. Der Sonnenbrief an dich selbst
Schreibe dir einen Brief aus der Perspektive der Sonne.
Was würde sie dir über deine Entwicklung erzählen?
Was sieht sie in dir, das du selbst oft übersiehst?
Welche Ermutigung möchte sie dir mitgeben?
Lies den Brief einige Tage später noch einmal. Oft entstehen dabei überraschende Einsichten.
3. Die Begegnung mit deinem fröhlichen inneren Kind
Erinnere dich an eine Situation aus deiner Kindheit, in der du unbeschwert, lebendig und voller Freude warst.
Was hast du getan?
Was hat dich begeistert?
Was davon fehlt dir heute vielleicht?
Wie kannst du das, was dir heute fehlt, wieder mehr in dein Leben holen?
Die Sommersonnenwende ist auch ein Fest der Lebensfreude. Vielleicht erinnert dich dein fröhliches inneres Kind daran, dass Entwicklung nicht nur aus Arbeit besteht, sondern auch aus Spiel, Kreativität und Leichtigkeit.
Überlege dir auch, wie du dieses innere Kind öfter in deinen Alltag integrieren kannst.
4. Ein Spaziergang in der Abendsonne
Gehe bewusst langsam.
Nimm wahr:
die Wärme auf deiner Haut,
die Farben um dich herum,
die Geräusche der Natur,
deinen Atem.
Frage dich:
Was möchte ich mit in die zweite Jahreshälfte nehmen?
Und:
Was darf langsam in den Hintergrund treten?
Schreibe im Anschluss gerne die Erkenntnisse in ein Journal.
Wenn wir unser inneres Licht ernst nehmen
Vielleicht liegt eine der großen Weisheiten dieses Festes darin, nicht nur auf das zu schauen, was noch fehlt. Die Natur feiert ihre Fülle nicht erst am Ende des Sommers. Sie zeigt sich in ihrer Blüte genau jetzt. Auch wir dürfen uns erlauben, unsere kleinen und großen Schritte anzuerkennen – mitten auf dem Weg.
Wir dürfen uns freuen über das, was gewachsen ist.
Wir dürfen feiern, was wir bereits geschafft haben.
Und wir dürfen gleichzeitig anerkennen, dass das Leben aus Licht und Dunkelheit besteht.
Persönliches Wachstum muss nicht heißen, immer stärker, glücklicher oder eine "bessere Version seiner selbst" zu werden. Die Natur erinnert uns daran, dass Leben in Zyklen verläuft. Auf Zeiten der Blüte folgen Zeiten des Rückzugs.
Entscheidend ist nicht, dass wir unser inneres Licht ständig spüren. Entscheidend ist das Vertrauen darauf, dass es auch in herausfordernden Phasen noch da ist: unsere Werte, unsere Erfahrungen, unsere Fähigkeit zur Verbundenheit und unsere innere Weisheit. Dieses innere Leuchten weist uns den Weg zurück zu uns selbst – und kann auch für andere zu einer Orientierung werden.
Wenn du dir Begleitung wünschst, melde dich gerne für ein kostenloses telefonisches oder Zoom-Kennenlerngespräch (rund 20 Minuten).




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