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Familie: Zwischen Sehnsuchts(w)ort und Gruselkabinett

  • Autorenbild: Barbara Pramböck
    Barbara Pramböck
  • vor 12 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Die Familie ist häufig ein Sehnsuchtsort und gleichzeitig ein Raum voller Spannungen, Erwartungen und alter Geschichten. Zwischen idealisierten Bildern und gelebter Realität, die durchaus manchmal zum Abgewöhnen ist, bewegen sich viele von uns irgendwo dazwischen. In diesem Beitrag geht es darum, warum das so ist – und wie ein bewussterer Blick auf das Familiensystem und unsere eigene Position und Rolle darin helfen kann, einen stimmigeren Umgang damit zu finden.



Familie. Ein Wort, das irgendwo zwischen Pusteblume, Hängematte und nervösem Augenzucken angesiedelt ist.

Als ich neulich in einer größeren Facebook-Gruppe über „Wohlfühlwörter“ gestolpert bin, war „Familie“ tatsächlich einer meiner ersten Impulse. Vor meinem inneren Auge tauchte sofort ein warmes, weiches Bild meiner eigenen kleinen Familie auf – mein Mann, meine Tochter, ein Moment von Nähe, Vertrautheit, Zugehörigkeit.


Aufgeschrieben habe ich es dann aber doch nicht.


Denn kaum war dieses Bild da, meldeten sich auch schon die anderen Assoziationen. Und die waren… sagen wir… weniger hängemattig. 😉 Nicht unbedingt aus meiner eigenen Erfahrung heraus, sondern aus dem, was ich tagtäglich höre, sehe und begleite – bei Klientinnen, im Freundeskreis, in sozialen Medien.


Das Lied „Verwandtschaftstreffen“ von Rian bringt es für mich herrlich trocken auf den Punkt:„Ah, cool, das würd’ ich gern verpassen.“


Denn seien wir ehrlich: Familie ist oft eine ziemlich wilde Mischung aus Menschen, mit denen wir – ohne genetische Verbindung – vermutlich eher nicht freiwillig unsere Feiertage verbringen würden (zumindest mit manchen). Und gleichzeitig sind es genau diese Menschen, die es wie keine anderen schaffen, uns innerhalb weniger Sekunden auf die Palme zu bringen.


Was dann folgt, kennt man: Eskalationen, bei denen hinterher niemand mehr so genau weiß, wie es eigentlich dazu gekommen ist.


Die Herkunftsfamilie ist nicht selten ein über Jahrzehnte gewachsener Raum für Enttäuschungen, alte Verletzungen, ungelöste Konflikte und – manchmal leider auch – tiefgreifende Traumata. Kontaktabbrüche zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern untereinander, Eifersucht, Konkurrenz, Streit ums Erbe… wenn man ehrlich ist, sind das keine Ausnahmen, sondern das kommt in nahezu allen Familien zumindest in irgendeinem Zweig vor.


Und wer sich einmal die Mühe macht, ein Genogramm zu zeichnen, also die eigene Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg sichtbar zu machen, merkt oft schnell: Das ist kein individuelles „Problem“, das ist ein System mit Geschichte.


Die „hinzugekommene“ Familie macht es meist nicht wesentlich einfacher. Schwiegermütter genießen seit Generationen einen zweifelhaften Ruf, Stiefmütter wurden von Märchen wie Schneewittchen oder Aschenputtel nachhaltig in eine sehr ungünstige PR-Schublade gesteckt, und auch moderne Formate wie Bridgerton (ein modernes Märchen) tragen nicht unbedingt zur Entspannung bei.


Patchworkfamilien – so schön Begriffe wie Bonusmutter oder Bonuskind auch klingen mögen – sind in der Realität oft hochkomplexe Gefüge, in denen Bedürfnisse, Loyalitäten und Erwartungen nicht immer ganz so harmonisch ineinandergreifen, wie es das Wording vermuten lässt.


Ich denke, ich habe inzwischen ausreichend Stereotype und kleinere Horrorszenarien bemüht, um den Punkt zu machen: Familie ist erstaunlich oft kein reiner Wohlfühlort, sondern ein Raum, in dem sehr viel Reibung entsteht.


Und gleichzeitig existiert da – ziemlich hartnäckig – das andere Bild. Die „heile Familie“.


Sie begegnet uns in Werbungen, in Filmen, in Büchern und inzwischen natürlich auch sehr prominent auf Instagram, TikTok und Co. – gerne mit zwei Elternteilen, zwei Kindern, einem Hund (vorzugsweise Golden Retriever), einer hellen Küche und einer bemerkenswert entspannten Grundstimmung (das passende Bild war schnell gefunden).


Nachmittags wird gemeinsam gebacken, wobei das Chaos zwar vorhanden ist, aber bitte ästhetisch bleibt. Abends sitzt man bei einem Glas Wein auf der Terrasse, während die Kinder friedlich spielen und sich – fast schon freiwillig – rechtzeitig ins Bett begeben.


Zu Weihnachten kommen selbstverständlich alle zusammen, die Stimmung ist harmonisch, die Gespräche wertschätzend, die Geschenke ein Treffer. Die Eltern, die das Ganze organisieren, wirken dabei erstaunlich ungestresst – vermutlich, weil sie vorher noch Yoga gemacht oder meditiert haben.


Natürlich ist das überzeichnet. Und natürlich gibt es Familien, in denen vieles gut funktioniert, in denen Verbindung spürbar ist und gemeinsame Zeit wirklich genossen wird.


Aber auch dort wird gestritten. Auch dort gibt es Missverständnisse, Verletzungen, Spannungen. Vielleicht nur weniger laut, weniger sichtbar oder konstruktiver bearbeitet.


Wenn man es ein bisschen nüchterner betrachtet, bewegen wir uns hier zwischen zwei Polen: dem Gruselkabinett auf der einen Seite und dem Sehnsuchtsort auf der anderen.


Und wie so oft liegt das echte Leben irgendwo dazwischen.


Die meisten von uns sind Teil von Familien, die weder durchgehend katastrophal noch dauerhaft harmonisch sind, sondern – um es freundlich zu formulieren – „normal herausfordernd“. Mit Licht und Schatten, Nähe und Distanz, Verbundenheit und Verletzung.


Kontaktabbruch als Allerheilmittel?

Und genau hier beginnt die eigentlich interessante Frage:

Was mache ich damit?

  • Was mache ich mit den Menschen, die mich so zuverlässig triggern wie sonst kaum jemand?

  • Was mache ich mit Erwartungen, die nicht erfüllt werden?

  • Mit alten Geschichten, die sich gefühlt immer wiederholen?


In vielen Online-Diskussionen ist die Antwort darauf erstaunlich schnell und eindeutig: Kontakt abbrechen. Am besten noch kombiniert mit einer Diagnose aus der Ferne – häufig „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ – und einer klaren Handlungsempfehlung.


Ich halte das für problematisch.


Nicht, weil es diese Dynamiken nicht gibt – im Gegenteil. Und auch nicht, weil ein Kontaktabbruch nie sinnvoll wäre. In Situationen, in denen Beziehungen von Abwertung, Übergriffigkeit oder Gewalt geprägt sind, kann es sehr wichtig und sehr heilsam sein, Distanz zu schaffen oder den Kontakt ganz zu beenden.


Aber diese Entscheidungen sind selten so simpel, wie sie online dargestellt werden. Und sie haben eine Tiefe, die man nicht in einem Kommentar-Thread erfassen kann.


Denn gerade bei Eltern und Geschwistern gilt: Sie sind Teil unserer Geschichte – und damit auch Teil von uns. Wenn ich sie komplett ablehne, lehne ich oft unbewusst auch Anteile in mir selbst ab, die durch diese Beziehungen geprägt wurden.


Wie wir in der Beratung vorgehen

In der systemischen psychosozialen Beratung beginnen wir deshalb meist an einem anderen Punkt.


Nicht bei den Fragen: „Was stimmt mit den anderen nicht? Was will ich nicht mehr?“

Sondern bei der Frage: „Was wünsche ich mir eigentlich? Wo will ich hin?“

Gefolgt von:

  • Was wäre anders, wenn das Problem nicht mehr da wäre?

  • Woran würdest du merken, dass sich etwas verändert hat?

  • Wie würdest du dich fühlen?

  • Und was genau wäre dann konkret anders im Alltag?


Diese Fragen wirken oft einfacher, als sie sind. Denn nicht selten zeigen sie, dass die eigenen Ziele entweder sehr unklar formuliert sind („Ich möchte einfach, dass es besser wird“) oder davon abhängen, dass sich eine andere Person grundlegend verändert („Ich möchte, dass meine Mutter mich endlich versteht“).


Und genau da wird es herausfordernd.


Denn wir können andere Menschen nicht dazu bringen, sich so zu verhalten, wie wir es uns wünschen. Was wir jedoch beeinflussen können, ist unser eigener Umgang damit.


Individuelle Lösungen für individuelle Probleme finden

Das kann ganz unterschiedlich aussehen und ist höchst individuell.


Manchmal geht es um äußeren Abstand: Wie oft möchte ich diese Person tatsächlich sehen oder hören? In welchem Rahmen tut mir der Kontakt gut – und in welchem nicht? Was verändert sich, wenn ich Treffen bewusster gestalte, zum Beispiel an Orten, die ich jederzeit verlassen kann?


Manchmal geht es um inneren Abstand: Wie sehr lasse ich mich emotional hineinziehen? Welche Erwartungen halte ich aufrecht – obwohl ich längst weiß, dass sie wahrscheinlich nicht erfüllt werden?


Erwartungen halten uns in der Warteschleife

Und genau an dieser Stelle lohnt sich oft ein besonders ehrlicher Blick auf unsere Erwartungen.


Denn so verständlich sie sind – viele von uns tragen, bewusst oder unbewusst, noch immer die Hoffnung in sich, irgendwann doch genau das von den Eltern zu bekommen, was damals gefehlt hat: das tiefe Verstandenwerden, die bedingungslose Unterstützung, die emotionale Sicherheit, vielleicht auch eine Form von Anerkennung oder Entschuldigung.


Das Problem daran ist weniger die Sehnsucht an sich – die ist zutiefst menschlich. Das Problem ist, dass wir sie häufig an Menschen richten, die mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht in der Lage sind, uns das zu geben. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie es nie gelernt haben, weil sie selbst geprägt wurden, weil ihnen schlicht die inneren Ressourcen fehlen.


Mit anderen Worten: Die Mutter oder der Vater, die wir hatten, konnten sehr wahrscheinlich gar nicht die Mutter oder der Vater sein, die wir gebraucht hätten.


Und das ist ein schmerzhafter Gedanke.

Gleichzeitig liegt darin aber auch eine große Chance.


Denn sobald wir beginnen zu akzeptieren, dass unsere Eltern nicht „nachliefern“ werden, entsteht Raum für etwas anderes: für die Möglichkeit, uns selbst das zu geben, was wir vermisst haben.


Wir können uns selbst „beeltern“ und einen liebevollen inneren Anteil zu stärken – einen Teil in uns, der fürsorglich ist, verständnisvoll, klar und gleichzeitig wohlwollend. Einen Anteil, der uns Halt geben kann, auch dann, wenn es im Außen schwierig bleibt.


Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut ist oder dass alte Verletzungen verschwinden. Aber es verändert die Richtung.


Wir sind dann nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, dass sich im Außen etwas verändert, sondern gewinnen Schritt für Schritt mehr Handlungsspielraum im Inneren.


Und oft passiert dabei etwas fast Unspektakuläres – und gleichzeitig sehr Wirksames:

Der Erwartungsdruck wird weniger.

Und mit ihm wird vieles leichter.


Begegnungen werden weniger aufgeladen. Enttäuschungen weniger heftig. Konflikte weniger existenziell.


Nicht, weil sich die anderen plötzlich anders verhalten – sondern weil wir innerlich anders aufgestellt sind.


Vielleicht ist genau das einer der entscheidenden Schritte im Umgang mit Familie:

Nicht darauf zu warten, dass sie endlich so wird, wie wir sie gebraucht hätten. Sondern zu lernen, uns selbst ein Stück weit das zu geben, was gefehlt hat – und den anderen zuzugestehen, dass sie nur das geben können, was ihnen möglich ist.


Wir erschaffen unsere Wirklichkeit durch Geschichten

Und manchmal beginnt die Veränderung an einer ganz anderen Stelle:

bei der Geschichte, die ich mir über meine Familie erzähle.


War meine Schwester wirklich immer das Lieblingskind – oder gibt es auch Momente, in denen das nicht so war? Hat sich wirklich „nie jemand“ für mich interessiert – oder gab es vielleicht doch einzelne Personen, einzelne Situationen, die eine andere Erfahrung ermöglichen?


Das bedeutet nicht, Schmerz schönzureden oder schwierige Erfahrungen zu relativieren. Aber es erweitert den Blick.


Denn je länger wir hinschauen, desto deutlicher wird oft: Familien bestehen selten nur aus dem, was nicht funktioniert hat.


Da gibt es vielleicht die Großmutter, die zugehört hat. Den Großvater, bei dem man sich sicher gefühlt hat. Die Tante, mit der Gespräche möglich waren, die sonst nirgends Platz hatten.


Und wenn man beginnt, diese Aspekte bewusst mit in die eigene Geschichte aufzunehmen, wenn man anfängt neue Geschichten zu erzählen, verändert sich etwas.


Nicht unbedingt die Familie selbst. Aber die innere Beziehung zu ihr.

Den Fokus und die Perspektive verändern

Methoden wie Genogrammarbeit, Aufstellungen, Rollenspiele, die Arbeit mit dem inneren Kind und Teilearbeit sowie die ECHO®-Methode, die sich mit den Echos der Vergangenheit beschäftigt, können dabei helfen, diese Dynamiken sichtbar zu machen und neue Perspektiven zu entwickeln. Sie ermöglichen es, festgefahrene Bilder zu verschieben, andere Positionen einzunehmen und sich selbst innerhalb des Systems neu zu verorten.


Gerade auch die transgenerationale Perspektive kann entlastend sein. Wenn man sich bewusst macht, dass hinter den eigenen Eltern wiederum deren Geschichte steht, dahinter wiederum die der Großeltern und so weiter, dann entsteht oft ein größeres Bild – eines, in dem sich Muster wiederholen, aber auch Ressourcen sichtbar werden.


Und manchmal entsteht daraus ganz leise so etwas wie Mitgefühl. Nicht als Rechtfertigung für alles, was war – sondern als Erweiterung des Blicks.


Vielleicht führt uns genau das zurück zu dem, was Familie jenseits von Idealisierung und Dramatisierung tatsächlich sein kann: Kein perfekter Ort. Kein durchgehendes Gruselkabinett. Sondern ein komplexes Gefüge von Beziehungen, in dem sich Trennendes und Verbindendes ständig abwechseln.


Und hier liegt – zumindest für mich – der eigentliche Kern:

Die Frage ist nicht, ob Familie schwierig ist.

Die Frage ist, worauf wir unseren Fokus richten.


Auf all das, was trennt, verletzt, nicht funktioniert? Oder auch auf das, was verbindet, trägt und – vielleicht manchmal ganz leise – da ist?


Das bedeutet nicht, Grenzen aufzugeben oder sich selbst zu übergehen. Aber es eröffnet die Möglichkeit, innerhalb dieses Systems einen eigenen, stimmigeren Platz zu finden.


In der Familie. Und – wenn wir ehrlich sind – auch in der Welt.


Bereit für ein neues Kapitel in deiner Familiengeschichte?

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass dich das Thema berührt – dass da vielleicht Beziehungen sind, die dich immer wieder an deine Grenzen bringen, oder Fragen auftauchen, auf die du alleine keine stimmigen Antworten findest – dann musst du damit nicht allein bleiben.


In der psychosozialen Beratung schauen wir gemeinsam auf dein Familiensystem, auf deine Rolle darin und auf das, was du wirklich verändern möchtest. Wir klären Erwartungen, entwickeln neue Perspektiven und finden Wege, wie du im Umgang mit deiner Familie mehr Klarheit, inneren Abstand und Handlungsspielraum gewinnen kannst.


Gönne dir individuelle Lösungen anstatt die Lösungen anderer im Internet!


Wenn du das Gefühl hast, dass dich das unterstützen könnte, melde dich gerne bei mir und vereinbare eine kostenloses telefonisches Kennenlerngespräch (15-20 Minuten).




 

 
 
 

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