Mütter und Töchter - Beziehungsstatus: It's complicated
- Barbara Pramböck
- vor 10 Minuten
- 6 Min. Lesezeit
Die Beziehung zu unserer Mutter prägt und beschäftigt uns ein Leben lang. Innere Stabilität und die Freiheit, bewusste Entscheidungen zu treffen, entstehen oft erst, wenn wir uns selbst halten lernen und transgenerationale Muster durchbrechen. Wie das gehen kann und wie psychosoziale Beratung unterstützt, erkläre ich in diesem Beitrag anhand eines Beispiels.

Zwischen Schuldgefühl und Selbstschutz
Vor kurzem habe ich in einer Facebookgruppe den Beitrag einer Frau gelesen, die eine Frage zur Beziehung zu ihrer Mutter hatte. Nämlich, ob es okay wäre, wie sie fühlt – und wie sie mit der Situation umgehen soll.
Die Mutter dieser Frau war in der Kindheit sehr kühl, gereizt und distanziert. Es gab wenig Liebe und Wärme. Im Alter hat sich das nun verändert, und die Frau hadert damit. Sie kann der neuen „Art“ ihrer Mutter nicht trauen, fühlt sich überfordert und geht selbst auf Distanz. Gleichzeitig plagt sie ein schlechtes Gewissen.
Schon in dieser kurzen Beschreibung stecken mehrere Ebenen.
„Meine Gefühle sind nicht okay“ – ein frühes Lernmuster
Erstens: Die Frau hat vermutlich schon als Kind gelernt, dass ihre Gefühle nicht okay sind. Das geht vielen so.
„Stell dich nicht so an!“
„Mach nicht so ein Theater!“
„Das war doch nicht schlimm!“
„Übertreib nicht so!“
Solche und ähnliche Aussagen haben wahrscheinlich viele von uns gehört. Vielleicht auch du.
Was wir davon lernen: Wir können unseren eigenen Gefühlen nicht vertrauen. Wir brauchen jemand anderen, der uns sagt, ob unsere Gefühle angemessen sind oder nicht. Und wir werden im Laufe unseres Lebens immer wieder Menschen finden, die diese Rolle übernehmen.
In einer Facebookgruppe bekommen wir dann die ganze Bandbreite: Bestätigung, dass es okay ist – und Bestätigung, dass es nicht okay ist. Auch Freunde helfen gerne mit ihren Sichtweisen. Was jedoch wahrscheinlich nicht passiert: ein echtes, nachhaltiges Annehmen der Gefühle, die da sind.
Gefühle brauchen keine Bewertung – sondern Raum
Vielleicht kann die Frau in dieser Situation mit sich selbst nachsichtiger sein, wenn sie Geschichten von anderen hört, die ähnlich fühlen. Vielleicht aber auch nicht. Denn jede Geschichte ist so einzigartig wie der Mensch dahinter. Es ist unmöglich zu vergleichen – besonders dann, wenn das Ziel ist, herauszufinden, ob die eigenen Gefühle „in Ordnung“ sind.
Unsere Gefühle sind einfach da. Sie sind eine chemische Reaktion im Körper. Sie sind nicht gut oder schlecht, sie sind einfach – und es gibt immer einen guten Grund dafür, dass sie da sind.
Was wir jedoch beeinflussen können, ist, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen und wie wir die Situation bewerten, die sie ausgelöst hat.
Die Echos der Vergangenheit
Und hier kommt die nächste Ebene ins Spiel. Durch welche Brille ich eine Situation betrachte, hängt stark mit meinen früheren Erfahrungen zusammen.
Wenn in meiner Kindheit in Bezug auf die Bindung zu meiner wichtigsten Bezugsperson vieles schiefgelaufen ist, dann werde ich heutige Situationen anders bewerten als Menschen, die sichere Bindungserfahrungen gemacht haben.
Kinder vertrauen ihren Bezugspersonen – sie können gar nicht anders, denn sie sind auf sie angewiesen. Wenn dieses Vertrauen immer wieder enttäuscht wird, wenn Nähe und Liebe nicht verlässlich da sind, dann lernen Kinder, dass es besser ist, nicht zu vertrauen. Das ist logisch.
Warum Misstrauen sinnvoll war – und heute trotzdem schmerzt
Wenn es genug andere gute Bindungserfahrungen gab (zum Beispiel mit dem Vater), wirkt sich das vielleicht nicht auf die generelle Bindungsfähigkeit aus. Doch die Beziehung zur Mutter bleibt oft von Vorsicht und Distanz geprägt.
Es ist also vollkommen nachvollziehbar, dass diese Frau misstrauisch ist, wenn die Mutter plötzlich ein anderes Verhalten zeigt. Ihr Bedürfnis nach Nähe und Wärme wurde als Kind immer wieder enttäuscht. Alleine anzuerkennen, dass das, was sie fühlt, völlig normal ist unter den Umständen, kann schon viel Erleichterung bringen und ist immer ein wichtiger Aspekt in einer psychosozialen Beratung.
Der Unterschied zu früher: Sie ist kein Kind mehr. Sie ist nicht mehr abhängig von der Mutter. Und doch reagiert etwas in ihr, das sehr alt ist.
Das verletzte innere Kind meldet sich
Was hier reagiert, ist das verletzte innere Kind – jener Anteil, der Angst davor hat, wieder enttäuscht und zurückgestoßen zu werden.
Natürlich mögen auch Erwachsene keine Zurückweisung. Doch Kinder erleben Liebesentzug als existenziell bedrohlich. Nähe, Liebe und Wärme der Hauptbezugsperson sind überlebenswichtig. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Ich schreibe das so deutlich, weil vielen nicht bewusst ist, wie fundamental Kälte, Distanz und Liebesentzug für Kinder sind. Eine kalte, distanzierte Mutter ist keine Kleinigkeit – sie ist eine echte Bedrohung. Alleine das zu wissen und wirken zu lassen, kann zu mehr Selbstmitgefühl führen.
Die innere Distanz und das Misstrauen, das die Frau aufgebaut hat, hatte eine wichtige Schutzfunktion in der Vergangenheit. Ob diese heute auch noch notwendig ist (wir wissen ja nicht, ob die Mutter sich innerlich wirklich so verändert hat, dass sie zu echter Nähe fähig ist) oder ob es behindert, das ist etwas, was die Frau aus einer Position der inneren Stabilität und Sicherheit betrachten sollte, die wahrscheinlich erst möglich ist, wenn sie gelernt hat, sich selbst Halt zu geben und ihr verletzten inneres Kind gut zu versorgen.
Ein Blick auf die Mutter als Frau
Was wir auch nicht wissen, ist, warum die Mutter so war. Jede Mutter hat ihre eigene Geschichte. Vielleicht hat die Frau diese Geschichte nie kennengelernt – oder nie aus dieser Perspektive betrachtet.
Die Geschichte der Mutter zu verstehen, kann helfen, innerlich einen Schritt zurückzutreten, heraus aus der Rolle als Kind. Kaja Andrea Otto hat in unserer Ausbildung zum ECHO®-Practitioner einmal gesagt, dass wir erst dann wirklich erwachsen sind, wenn wir unsere Mutter nicht mehr nur als Mutter, sondern als Frau sehen können.
Wahrscheinlich hat das, wie die Mutter zu der Frau als Kind war, etwas damit zu tun, was sie selbst in ihrer Familie erlebt hat. Es könnte ein transgenerationales Thema sein. Noch mehr Echos aus der Vergangenheit, die unsere Entscheidungen und unser Empfinden im Heute beeinflussen.
Entscheidungen brauchen eine erwachsene innere Position
Es wäre unmöglich – ja sogar fahrlässig –, dieser Frau einen einfachen Ratschlag zu geben. Nur sie selbst kann entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen möchte und was das Richtige für sie selbst ist.
Diese Entscheidung hängt stark davon ab, aus welchem inneren Zustand heraus sie getroffen wird:
aus einem verletzten, bedürftigen inneren Kind und transgenerationalen Mustern heraus
oder aus einer erwachsenen Position, in der dieses innere Kind gut versorgt ist und die transgenerationalen Muster offengelegt und integriert sind
Mehr Wissen über die Geschichte der Mutter – und der Frauen vor ihr – kann helfen, mehr Verständnis für die Zusammenhänge und Ursachen sowie Mitgefühl zu entwickeln. Doch echtes Mitgefühl für andere wird erst möglich, wenn wir auch Mitgefühl für uns selbst haben.
Zwischen Schuld und Selbstschutz - ein kollektives Thema
Ein weiteres Thema, das in der Geschichte auffällt, ist das schlechte Gewissen von dem die Frau spricht. Hier sind wir nicht nur bei einem individuellen, sondern auch bei einem kollektiven Thema.
„Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Dieser Satz, eines der 10 Gebote, wirkt oft tief – bewusst oder unbewusst. Und zwar ganz egal, ob wir religiös sind oder nicht. Es ist Teil unseres kollektiven Erbes.
Was das genau heißt, lässt natürlich Raum für Interpretation, aber sehr häufig impliziert dieses Gebot Dankbarkeit gegenüber den Eltern und aus dieser Dankbarkeit heraus eine Verpflichtung.
Dankbarkeit kann sehr heilsam sein. Selbst wenn ich eine schwierige Mutter hatte, kann es hilfreich sein, den Fokus auch auf die Dinge zu richten, die sie gut gemacht hat und dafür das Gefühl der Dankbarkeit in sich zu finden. Doch Dankbarkeit kann nicht erzwungen werden. Und sie bringt keine Verpflichtung mit sich!
Diese Frau und ihre Mutter haben regelmäßig Kontakt, wie sie schreibt, d.h. sie kümmert sich (auch dazu wäre sie nicht verpflichtet). Aber es gibt keine Verpflichtung für sie, jetzt plötzlich die Distanz aufzugeben, nur weil sich bei ihrer Mutter etwas verändert hat. Es gibt eine Chance auf eine andere Beziehung, aber niemals eine Verpflichtung oder eine Schuld, wenn sie nicht so warm und nah sein kann, wie die Mutter sich das anscheinend jetzt im Alter wünscht.
Eltern entscheiden sich für Kinder und tragen Verantwortung für sie. Umgekehrt gibt es für erwachsene Kinder keine Verpflichtung, Nähe, Liebe oder emotionale Verfügbarkeit zu leisten. Kinder sind nicht verantwortlich für die Gefühle ihrer Eltern oder deren Glück. Auch nicht, wenn sie erwachsen sind.
Vertrauen braucht eine stabile Basis
Liebe, Nähe und Vertrauen lassen sich, genau wie Dankbarkeit, nicht erzwingen. Sie dürfen wachsen – und brauchen dafür eine stabile Basis. Diese Basis liegt nicht in der Mutter, sondern in der Frau selbst.
Erst wenn sie nicht mehr innerlich auf die Liebe der Mutter angewiesen ist, kann sie sich auf Nähe einlassen – mit dem Wissen, dass sie Enttäuschungen heute aushalten kann. Denn Vertrauen ist die stillste Form von Mut.
Was Beratung hier ermöglichen kann
In einer Beratung können wir mit unseren verletzten, aber auch mit unseren gesunden inneren Anteilen in Kontakt kommen. Wir können innere Stabilität aufbauen, alte Muster verstehen und neue, stimmige Entscheidungen treffen.
Transgenerationale Arbeit kann helfen, familiäre Dynamiken zu erkennen und Frieden ins System zu bringen – nicht, um etwas zu erzwingen, sondern um im Heute freier zu sein.
Wenn du eine schwierige Beziehung zu deiner Mutter hast und dir mehr innere Freiheit, Stabilität und Selbstvertrauen wünschst, dann begleite ich dich gerne in einem geschützten Rahmen.
