Zum Weltfrauentag: Warum transgenerationale Arbeit feministisch ist
- Barbara Pramböck
- vor 1 Tag
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 11 Stunden
Am 8. März, ist Weltfrauentag. Ein Tag, an dem wir feiern, was Frauen erreicht haben – und gleichzeitig sehen, wie viel noch zu tun bleibt. In diesem Blogpost erkläre ich, was transgenerationale Arbeit mit Feminismus zu tun hat und wie wir alle davon profitieren können.

Wer glaubt, Feminismus sei heute nicht mehr nötig, muss nur einen kurzen Blick auf die Zahlen werfen. Frauen verdienen in Österreich im Durchschnitt weiterhin deutlich weniger als Männer.
Laut Statistik Austria liegt der Gender Pay Gap – je nach Berechnung – noch immer bei 17,6 %1. Frauen arbeiten häufiger Teilzeit, übernehmen einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit und sind in Führungspositionen und auch in der Politik weiterhin unterrepräsentiert.
Diese Zahlen sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck historischer Strukturen.
Die Journalistin, Sprecherin, Polit-Kabarettistin und Gründerin des Think Tanks Momentum Institut Barbara Blaha beschreibt in ihrem Buch „Funkenschwestern“ eindrücklich, wie tief diese Ungleichheiten gesellschaftlich verankert sind. Sie bringt auch seitenweise Zahlen und Fakten mit, die einen an mancher Stelle ungläubig zurücklassen.2
Feminismus, so ihre zentrale These, ist kein Nischenthema für eine kleine Gruppe von Aktivistinnen. Er ist eine Bewegung, die uns allen hilft (auch den Männern!), weil sie strukturelle Ungleichheit sichtbar macht und verändert.
Ihr Buch ist ein Aufruf, aktiv zu werden, um die Welt zu verändern, so wie Frauen vor uns bereits die Welt verändert haben. Das ist umso wichtiger, als Zahlen zeigen, dass die jüngere Generation (besonders Gen Z) wieder sehr viel traditioneller Rollenbilder vertreten.3
Doch neben den politischen und wirtschaftlichen Strukturen gibt es noch eine andere Ebene, die diesem Aktivwerden oft im Weg steht:
Die innere Ebene.
Diese Ebene ist perfide. Oft können wir sie selbst gar nicht richtig fassen. So zitiert Blaha eine Studie, die zeigt, dass Frauen, die ja traditionell für den Haushalt zuständig waren, sich viel gestresster fühlen von einer unordentlichen Wohnung als die dazugehörigen Männer. Denn die Frauen haben verinnerlicht, dass das in ihrer Verantwortung liegt. 4 Der Wäscheberg „spricht“ somit zu ihnen und nicht so sehr zum Mann im Haushalt.
Auch zeigt die Autorin auf, dass wir alle – Frauen inklusive – anderen Frauen weniger Expertise zuschreiben als Männern. Und das hat maximale Wirkung darauf, ob eher Frauen oder Männer eingestellt, befördert und besser bezahlt werden.5
Diese innere Eben ist über lange Zeit gewachsen - sie geht weit über unsere direkten Vorfahren hinaus. Hier wir transgenerationale Arbeit plötzlich höchst politisch, wenn wir uns darauf einlassen - und zutiefst feministisch.
Jahrhunderte des Patriarchats hinterlassen Spuren
Über Jahrhunderte hinweg lebten Frauen in Systemen, in denen sie rechtlich und wirtschaftlich abhängig waren: vom Vater, vom Ehemann, von gesellschaftlichen Erwartungen. Bildung, Eigentum oder politische Teilhabe waren lange Zeit keine Selbstverständlichkeiten.
Immerhin ist es erst rund 50 Jahre her, dass Frauen alleine einen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen. Schlimmer noch: Vergewaltigung in der Ehe wurde überhaupt erst vor etwa 35 Jahren strafbar und erst 2004 gänzlich der Vergewaltigung außerhalb der Ehe gleichgestellt.
Das berührt ein weiteres Thema, nämlich das kollektive Gefühl der Unsicherheit, der Frauen ausgesetzt sind. Unsicherheit durch psychische oder physische Gewalt von Männern, die jede Frau in irgendeiner Weise bereits kennengelernt hat. Die #metoo-Bewegung war Ausdruck dieses Zustands und die Epstein-Affäre bringt neuerliche patriarchale Abgründe ans Licht.
Diese Erfahrungen gemeinsam mit der Botschaft, dass Frauen nicht so kompetent sind für Männer und Frauenjobs weniger „wert“ (in Geld) sind als die der Männer, prägen das Selbstbild von Frauen und hindern sie häufig daran, etwas aktiv zu verändern. Oftmals kommt es zu Resignation.6
Auch die Journalistin Pamela Obermaier beschreibt in ihrem Buch „Was bin ich wert?“, wie stark der weibliche Selbstwert mit der patriarchalen Geschichte unserer Gesellschaft verknüpft ist. Sie bringt auch die Epigenetik ins Spiel. 7 „Unser kollektives Bewusstsein hat jahrhundertelange Unterdrückung, Geringschätzung und Benachteiligung von Frauen (und natürlich auch Hass und daraus resultierend Gewalt an Frauen) gespeichert,“ schreibt die Autorin.8
Immerhin gab es über die Jahrhunderte, ja eigentlich schon Jahrtausende (man denke an die Geschichte, dass Eva aus der Rippe von Adam entstanden ist bzw. an Aristoteles, der meinte, Frauen wären „unterentwickelte Männer) zahlreiche Theorien, warum Frauen nicht so viel können wie Männer, dümmer sind als dieselben und sozusagen „Mangel-Ware“9
Frauen lernen aus diesen Erfahrungen heraus früh, sich anzupassen, zu leisten, zu funktionieren – und gleichzeitig nicht „zu viel“ zu sein, denn in der Vergangenheit brauchten einen Mann, um überleben zu können. Auch wenn das heute so nicht mehr Gültigkeit hat – unsere Zellen haben diese Erinnerungen gespeichert.
Frauen, die laut werden und etwas fordern oder kritisieren lebten gefährlich. Selbst heute noch, wie Drohungen gegen Politikerinnen zeigen.10
Selbstbewusstsein wird zudem häufig anders bewertet als bei Männern. Forderungen nach angemessener Bezahlung oder klaren Grenzen werden schneller als unangenehm und unsympathisch wahrgenommen im Gegensatz zu Männern, die das Gleiche tun.11
Viele Frauen kennen diese inneren Stimmen:
„Sei nicht unbescheiden.“
„Stell dich nicht so in den Vordergrund.“
„Sei dankbar für das, was du hast.“
Diese Stimmen entstehen nicht im luftleeren Raum.
Sie sind Teil einer kollektiven Geschichte.
Trauma wird weitergegeben – auch über Generationen
In den letzten Jahren hat die Forschung begonnen, sich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, wie Erfahrungen über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Studien aus der Epigenetik zeigen, dass extreme Stress- und Traumaerfahrungen tatsächlich biologische Spuren hinterlassen können, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.
Das bedeutet nicht, dass Erfahrungen eins zu eins „vererbt“ werden.
Aber: Belastungen können die Art beeinflussen, wie Gene aktiviert werden – und damit auch Stressreaktionen, emotionale Muster oder Wahrnehmungen prägen.
Besonders eindrücklich wurde das etwa bei Studien zu den Nachkommen von Holocaust-Überlebenden oder bei Menschen, deren Familien Krieg und Vertreibung erlebt haben.
Doch transgenerationale Prägungen entstehen nicht nur durch große historische Traumata.
Sie entstehen auch durch gesellschaftliche Strukturen.
Wenn Generationen von Frauen gelernt haben,
ihre Bedürfnisse zurückzustellen
wirtschaftlich abhängig zu sein
Konflikte zu vermeiden
nicht zu viel Raum einzunehmen
dann hinterlassen diese Erfahrungen Spuren.
Nicht nur in Geschichten.
Sondern im Körper.
Transgenerationale Arbeit: ein Blick zurück, um frei zu werden
Transgenerationale Arbeit beschäftigt sich genau mit diesen Mustern.
Sie fragt:
Welche Themen haben meine Familie geprägt?
Welche Erfahrungen meiner Eltern, Großmütter oder Urgroßmütter wirken vielleicht noch heute in meinem Leben?
Oft geht es dabei gar nicht um dramatische Ereignisse, obwohl auch diese in jeder Familiengeschichte mehrfach vorkommen.
Sondern um scheinbar unscheinbare Muster:
Frauen, die immer für alle anderen sorgen mussten
Familien, in denen über Gefühle nicht gesprochen wurde
Generationen von Frauen, die finanziell abhängig waren
Loyalitäten, die stärker sind als die eigenen Bedürfnisse
Solche Muster können sich über Generationen stabilisieren. Und sie können unbewusst weitergegeben werden.
Transgenerationale Arbeit bedeutet nicht, Schuld zu suchen. Im Gegenteil.
Sie hilft, Zusammenhänge zu verstehen und Muster zu lösen.
In der individuellen Familiengeschichte, aber auch im Kollektiv.
Und genau dadurch entsteht eine neue Freiheit.
Die ECHO®-Methode: Muster sichtbar machen
Ein besonders spannender Ansatz in der transgenerationalen Arbeit ist die ECHO®-Methode, entwickelt von Kaja Andrea Otto12. Diese Methode verbindet systemisches Denken, Körperarbeit und traumaorientierte Ansätze.
Der zentrale Gedanke:
Viele Erfahrungen, die wir heute machen, sind Echos aus der Vergangenheit.
Sie können aus unserer eigenen Geschichte stammen, aus der Geschichte unserer Familie, oder aus dem Kollektiv.
In der Arbeit mit der ECHO®-Methode werden solche Muster nicht nur kognitiv verstanden, sondern körperlich erfahrbar gemacht und verändert.
Denn unser Nervensystem speichert Erfahrungen oft jenseits von Worten.
Wenn ein Thema lokalisiert wird – sei es in der eigenen Biografie oder in der Ahnengeschichte – kann es auf einer tieferen Ebene bearbeitet werden.
Das Ziel ist nicht, die Vergangenheit zu verändern.
Das Ziel ist, die Bindung an alte Muster zu lösen.
Warum das feministisch ist
Vielleicht klingt transgenerationale Arbeit auf den ersten Blick eher nach persönlicher Entwicklung als nach politischem Thema. Doch tatsächlich ist sie zutiefst politisch, was auch Kaja Andrea Otto immer wieder betont.
Denn sie hilft Frauen dabei, die Angst zu überwinden und
ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen
sich aus alten Loyalitäten zu lösen
ihre Stimme zu finden
ihren Wert zu erkennen
Und genau das ist eine der zentralen Ideen des Feminismus.
Wenn Frauen beginnen zu spüren, was wirklich ihr eigener Weg ist – und was vielleicht nur ein übernommenes Muster – dann verändert sich etwas.
Nicht nur individuell.
Sondern auch gesellschaftlich.
Eine Frau, die ihren Wert kennt,
fordert eher eine angemessene Bezahlung
setzt klarere Grenzen
trifft bewusstere Entscheidungen
gestaltet Beziehungen auf Augenhöhe
Das hat Auswirkungen.
Auf Familien und die Männer und Frauen von morgen.
Auf Organisationen.
Auf Gesellschaft.
Weltfrauentag: Ein guter Moment nach innen zu schauen
Der Weltfrauentag erinnert uns daran, wie viele Frauen vor uns dafür gekämpft haben, dass wir heute Möglichkeiten haben, die für sie noch undenkbar waren.
Doch Freiheit im Außen bedeutet nicht automatisch Freiheit im Inneren.
Viele Frauen spüren heute zwar theoretisch, dass ihnen alle Wege offenstehen. Viele glauben auch, dass die großen Themen bereits gelöst sind.
Und gleichzeitig gibt es innere Stimmen, die sagen:
„Kann ich das wirklich?“
Genau hier kann transgenerationale Arbeit ansetzen.
Sie hilft uns, zu unterscheiden zwischen:
dem, was wirklich zu uns gehört
und dem, was vielleicht aus einer anderen Zeit stammt
Den eigenen Weg gehen
Für mich ist genau das die Verbindung zwischen Feminismus und transgenerationaler Arbeit.
Feminismus verändert Strukturen im Außen.
Transgenerationale Arbeit verändert Strukturen im Inneren.
Beides gehört zusammen.
Denn echte Selbstbestimmung entsteht dort, wo wir beides verbinden:
das Bewusstsein für gesellschaftliche Strukturenund die Fähigkeit, unseren eigenen Weg zu gehen.
Die Arbeit mit Methoden wie ECHO® kann Frauen dabei unterstützen, alte Muster zu erkennen, ihren Selbstwert zu stärken und Entscheidungen zu treffen, die wirklich zu ihnen passen.
Nicht gegen die Gesellschaft, aber gegen das Patriarchat und dessen unsichtbaren Erwartungen vergangener Jahrhunderte.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Bedeutungen des Weltfrauentags:
Dass jede Generation ein Stück freier werden kann, wenn wir weiter daran arbeiten.
Und dass wir heute die Möglichkeit haben, diesen Weg bewusst weiterzugehen.
Du möchtest die Kraft der transgenerationalen Arbeit selbst erleben?
Vereinbare einen Termin für ein kurzes kostenfreies Kennenlerntelefonat oder buche direkt eine ECHO®-Session (60 Minuten).
Für Genogrammarbeit und Brettaufstellung sind üblicherweise mehr als ein Termin notwendig. Gerne kann ich ein individuelles Coaching-Paket für dich zusammenstellen.
Quellen
1 Statistik Austria (03.03.2026): https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gender-statistiken/einkommen (abgerufen am 07.03.2026)
2 Blaha, B. (2026): Funkenschwestern – Wie Feminismus alles besser macht. Wien - Graz: Molden Verlag.
3 ORF.AT (07.03.2026): Internet - Frauenfeindlichkeit als System https://science.orf.at/stories/3234517/ (abgerufen am 07.03.2026)
4 Blaha, B. (2026): Funkenschwestern – Wie Feminismus alles besser macht. Wien - Graz: Molden Verlag: S. 112
5 ebd. S. 31ff
6 ebd. S. 116
7 Obermaier, Pamela (2024): Was bin ich wert? Warum Frauen weniger verdienen – und was wir dagegen tun können. Berlin: Goldegg Verlag.
8 ebd. S. 129
9 Blaha, B. (2026): Funkenschwestern – Wie Feminismus alles besser macht. Wien - Graz: Molden Verlag: S. 14
10 ebd. S. 131
11 ebd. S. 76




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