Was passiert eigentlich bei transgenerationaler Arbeit? Von der Angst, die Verbindung zu verlieren
- Barbara Pramböck
- vor 4 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Transgenerationale Arbeit eröffnet einen neuen Blick auf Gefühle und Erlebnisse, die über Generationen hinweg weiterwirken. Doch viele fragen sich: Verlieren wir etwas, wenn wir die Ahnenthemen bearbeiten? Dieser Artikel beleuchtet, was wirklich passiert – und warum Verbindung dabei nicht verloren geht.

Transgenerationale Loyalität: Warum Loslassen schwerfällt
Vor kurzem hatte ich eine Diskussion mit einer Freundin über transgenerationale Arbeit. Sie hatte etwas über ihre Vorfahren herausgefunden, das ihr so nicht bewusst gewesen war, und es hat in ihr sehr viel Schmerz und Betroffenheit ausgelöst.
Ich meinte dazu, dass ich es so schön finde, dass wir durch transgenerationale Arbeit diesen Schmerz lösen und verändern können. Meine Freundin sagte darauf, sie würde den Schmerz gar nicht lösen wollen. Es wäre ihr wichtig, ihn zu fühlen.
Das kann ich nachvollziehen. Denn natürlich ist das eine Erinnerung daran, was die Menschen vor uns durchgemacht haben. Und eine Warnung, dass es dazu nie wieder kommen sollte. Es verbindet uns mit diesen Menschen und es ist ein Akt der Loyalität, diesen Schmerz ebenfalls zu tragen.
Der Schmerz (aber auch Angst, Wut, Trauer, etc.) ist eine direkte Verbindung in die Vergangenheit. Ganz oft ist bei Klient:innen die Angst da, dass diese Verbindung dann weg ist, wenn wir mit transgenerationaler Arbeit, speziell mit der ECHO®-Methode, etwas verändern. Es fühlt sich vielleicht auch illoyal oder wie Verrat an, wenn wir etwas lösen möchten, was für unsere Vorfahren identitätsstiftend war.
Die ECHO®-Methode und das Konzept der „friedlosen und friedvollen Ahn:innen“
Die ECHO®-Methode (ECHO steht für die Echos der Vergangenheit - aus dem eigenen Leben und den Leben unserer Ahn:innen) nutzt für Themen, die uns heute in unserem Leben belasten oder blockieren, und bei denen die Vermutung besteht, dass sie vielleicht schon aus früheren Generationen stammen, das Bild der friedlosen Ahn:innen.
Diese sind aus irgendeinem Grund noch an dieses Leben gebunden – z.B. aufgrund einer traumatischen Erfahrung, die nicht verarbeitet werden konnte. Das was unverarbeitet geblieben ist, wird weitergegeben und wirkt weiter in unserem heutigen Leben.
Friedvolle Ahn:innen dagegen waren beim Tod im Reinen mit ihrem Schicksal und konnten in Frieden gehen (was nicht heißt, dass sie nicht Schlimmes erlebt haben – aber: sie konnten es integrieren). Dadurch wirken keine aktiven, belastenden Themen auf uns im Hier und Jetzt. Friedvolle Ahn:innen sind starke Ressourcen, die uns Resilienz, Kompetenz und Sicherheit geben können, wenn wir mit ihnen arbeiten.
Woran wir transgenerationale Themen erkennen können
Hinweise für belastende Ahnenthemen finden sich in Glaubenssätzen, die in Familien schon über längere Zeiträume weitergegeben wurden (z.B. Man kann Männern nicht trauen.), in Ängsten, die sich aus den Erfahrungen des eigenen Lebens nicht erklären lassen (z.B. die Angst, dass das eigene Kind verhungert, obwohl es dafür überhaupt keine Begründung gibt, die Angst vor Sichtbarkeit, die Angst vor Behörden, etc.), aus Dingen die „immer schon so waren“, aus „Familienkrankheiten“ (abseits von klassischen Erbkrankheiten), uvm.
Ganz sicher kennt auch jede Familie stärkende Geschichten über Ahn:innen. Diese werden jedoch weniger häufig erzählt, genauso wie wir eigene positive Erlebnisse weniger oft erinnern als negative.
Was die Forschung dazu sagt
Die Wissenschaft der Epigenetik zeigt, dass Trauma und Umweltstress tatsächlich weitergegeben werden kann über epigenetische Prozesse und uns (bzw. unseren Körper) im Hier und Heute ganz konkret beeinflusst (das wären bildlich gesprochen die friedlosen Ahn:innen, die für uns im Heute eine Belastung sein können).
Die Forschung im Bereich der Psychologie, Psychotherapie- und Beratungswissenschaften zeigt auch, dass wir, wenn wir schwierige (Kindheits-)Themen und Traumata erfolgreich bearbeiten und integrieren können, deutlich gesünder werden (psychisch und auch körperlich). Wenn wir das machen, dann werden wir schon heute zu friedvollen Ahn:innen (und geben hoffentlich möglichst wenig „schädliche“ epigenetische Veränderungen an unsere Nachkommen weiter).
Wie die ECHO®-Arbeit konkret wirkt
In der ECHO®-Arbeit spüren wir über Gefühle und unseren Körper die friedlosen Ahn:innen in unserer Linie auf, die mit einem konkreten Thema in unserem Leben verbunden sind.
Wir gehen in einer Imagination mit ihnen in Kontakt, anerkennen ihr Schicksal (ganz wörtlich, indem wir sagen „Ich erkenne dein Schicksal an!“) und machen sie darauf aufmerksam, dass das, was ihnen widerfahren ist, vorbei ist.
Danach öffnen wir imaginativ ein Tor in die andere Welt, das Jenseits, den Himmel oder welche Vorstellung auch immer passend ist. Es ist der Moment der Veränderung, den wir nach dem Übergang auch ganz deutlich im eigenen Körper wahrnehmen können.
Der Moment des Zögerns: Wenn Verbindung auf dem Spiel steht
Das ist auch der Moment, an dem manche Klient:innen (bzw. die Ahn:innen, die sie in ihrer Imagination wahrnehmen) zögern. Sie haben Sorge, dass sie dann keine Verbindung mehr haben, dass sie „weg“ sind (was besonders spannend ist bei Klient:innen, die eigentlich gar nicht daran geglaubt haben, überhaupt irgendetwas wahrnehmen zu können 😉).
Dieses Phänomen zeigt sich auch in Trauerprozessen um Verstorbene. In manchen Fällen haben Angehörige Angst, die Trauer loszulassen, weil sie das Gefühl haben, dadurch den Verstorbenen ganz zu verlieren. Die Trauer bindet sie noch und hält den Menschen für sie lebendig.
Deshalb ist es heute in der Trauerbegleitung auch State-of-the-Art Menschen zu unterstützen, die alte, äußerliche Beziehung durch eine neue, verinnerlichte Beziehung zu den Verstorbenen zu ersetzen – z.B. durch Briefe und Gespräche (tatsächlich machen viele das nach dem Tod eines lieben Angehörigen ganz von selbst), während man früher meinte, es wäre wichtig die Verstorbenen „loszulassen“. Es geht darum, eine Verbindung über Liebe und Erinnerung anstatt über Schmerz und Trauer aufzubauen, was dem, was wir in der ECHO®-Arbeit machen, durchaus ähnlich ist.
Kulturelle Prägung und unser Umgang mit Verstorbenen
Meine persönliche Vermutung, warum das „in Verbindung bleiben in Liebe“ uns oft schwer fällt: möglicherweise liegt es an unserer christlichen Sozialisation (die auch wirkt, wenn wir gar nicht religiös sind – einfach durch die vielfältigen christlich geprägten Einflüsse in unserem Kulturkreis).
Denn im Christentum wird zwar betont, dass Gott / Jesus / der heilige Geist immer um uns sind, aber unsere Vorfahr:innen sind gefühlt eher weit weg: im Himmel, der ja weit oben und unendlich ist (was viel Sinn macht, da ja „heidnische“ Vorstellungen durch die christliche Vorstellungswelt ersetzt werden sollte).
Wenn wir unsere Verstorbenen besuchen, dann am Friedhof (oft bei einer Kirche, die der Ort für das Gebet sein soll). Der Priester ist der Vermittler zwischen den Welten – dem Diesseits und dem Jenseits. Es gibt keine in den Alltag verwobene Ahnentradition, abgesehen von individuellen familiären Traditionen.
Ursprünglichere Kulturen, besonders mit schamanischem Hintergrund, haben da einen anderen Zugang. Dort sind die Ahnen Teil des Alltags. Sie stehen mit Rat und Tat zur Seite, werden im Alltag geehrt. Etwas, das auch durch die moderne psychologische Brille gesehen, sehr heilsam und eine große Ressource sein kann.
Es findet sich dort auch – z.B. bei Native Amercian Tribes – die Vorstellung, dass das, was wir tun und erleben mehrere Generationen in die Zukunft wirkt und wir dementsprechend von den Taten und Erlebnissen der Ahnen beeinflusst sind, die mehrere Generationen vor uns gelebt haben. Etwas, das heute durch die epigenetische Forschung gestützt wird.
Zwischen Wissenschaft und Spiritualität: Die Haltung der ECHO®-Methode
Die Vorstellung in der ECHO®-Methode bedient sich sowohl der wissenschaftlich-psychologischen als auch der spirituellen Vorstellung – je nachdem, was für die Klient:innen passend ist.
Wir, unsere Körper, sind das Produkt unserer Ahnen – genetisch und epigenetisch. Dadurch sind wir automatisch „verbunden“.
Auf der geistigen Ebene kann man es als eine innere, imaginative Verbindung sehen (psychologisch betrachtet) oder aber als eine spirituelle Verbindung (eine „echte“ Verbindung mit den Ahnenspirits, so wie in der Vorstellung schamanischer Kulturen).
Von der Belastung zur Ressource
Diese Verbindung kann stärkend sein – im Falle von friedvollen Ahn:innen – oder belastend, blockierend, hinderlich im Falle von friedlosen Ahn:innen.
Sobald die Ahn:innen im ECHO®-Prozess durch das Tor auf die andere Seite gegangen sind (und dabei alles, was sie hier zurückgehalten hat, loslassen können), werden sie zu friedvollen Ahn:innen.
Wir ECHO®-Practitioner unterstützen die Klient:innen imaginativ dabei, dass diese Ahn:innen ihren Platz in der Ahnenreihe einnehmen können und nun mit all dem Positiven (anstatt nur über des Trauma und die Belastung) als Ressource zur Verfügung stehen.
Mehr Selbstbestimmung durch transgenerationale Arbeit
Das bedeutet, die Verbindung bleibt! Sie verändert sich nur hin zu einer positiven, bestärkenden Verbindung. Rückenstärkung im wahrsten Sinne des Wortes!
Durch diese Veränderung wird das, was unseren Ahn:innen passiert ist, nicht vergessen. Tatsächlich bekommen viele Klient:innen noch stärkende Botschaften von ihren Ahn:innen, die sich genau auf das beziehen, was ihnen widerfahren ist.
Aber es gibt das Potential, dass Erlebnisse, die in der Vergangenheit passiert sind, nicht mehr unbewusst unsere Entscheidungen und Gefühle in unserem Leben überschatten. Es gibt die Möglichkeit neue, eigene Wege zu gehen, ohne von alter Angst, altem Schmerz, alter Wut, alter Trauer geleitet zu werden.
Verbindung zur inneren Kind-Arbeit
Darin ähnelt die Arbeit der Arbeit mit dem inneren Kind nach Luise Reddemann, einer deutschen Traumatherapeutin. Auch das innere Kind wird in seiner Not gesehen und aus der schlimmen Situation, in der es sozusagen „steckengeblieben“ ist, herausgeholt. Es bekommt die Gelegenheit an einem sicheren Ort zu heilen und erwachsen zu werden.
Die ECHO®-Methode kennt deshalb auch den Weg zum inneren Kind, denn manchmal stecken hinter einem Thema sowohl Ahnen-Themen als auch innere Kind-Themen. Es geht darum, den Ursprung herauszufinden und der liegt nicht immer beim inneren Kind, aber auch nicht immer bei den Ahn:innen.
Integration statt Abtrennung
Wenn wir sagen, dass die ECHO®-Methode hilft, Ahnen-Trauma bzw. belastende Ahnenthemen zu integrieren, meinen wir genau das, was die innere Kind-Arbeit für Kindheitsthemen macht.
Das Wissen darüber, was uns als Kinder widerfahren ist, ist natürlich durch eine Imagination nicht weg. Doch die Belastung wird leichter, es darf ein Stückchen Heilung geschehen.
Genauso wenig ist das Wissen über das, was unseren Ahn:innen widerfahren ist, weg, noch reißt die Verbindung ab. Sie verändert sich nur und wird zu einer Ressource.
Und was ist mir dir?
Vielleicht kennst du das Gefühl, dass dich etwas begleitet, was gar nicht nur „deins“ zu sein scheint.
Transgenerationale Arbeit kann dabei unterstützen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen – und die Verbindung zu deinen Ahn:innen so zu verändern, dass sie dich stärkt anstatt dich zu belasten.
Wenn du das für dich erkunden möchtest, kannst du hier ein unverbindliches Kennenlerngespräch vereinbaren
Oder du kommst zum Workshop #TREIBGUT: Vererbtes Trauma?, den ich gemeinsam mit Nadja Puttner am 9. und 10. Mai veranstalte. Dort verweben wir künstlerisch-tänzerische Arbeit mit der ECHO®-Methode.




Kommentare