TREIBGUT: Wenn Geschichten durch Generationen wirken
- Barbara Pramböck
- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 2 Stunden
In diesem Blogbeitrag spreche ich mit Nadja Puttner, freischaffende Tänzerin/Performerin, Choreografin, Tanzlehrende und künstlerische Co-Leitung DAS Margareten - Raum für lebendiges Theater, über ihr Tanz-Theater-Stück TREIBGUT, in dem es um transgenerationales Trauma und die Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen geht. Das Stück hat am 16. April in Wien Premiere. Begleitend zum Stück machen wir am 9. und 10. Mai gemeinsam einen zweitägigen Workshop, in dem wir künstlerische-körperliche und imaginative Methoden zur transgenerationalen Arbeit verbinden.

In meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin begegnet mir ein Thema immer wieder:
👉 Dinge, die wir fühlen – ohne genau zu wissen, woher sie kommen.
👉 Muster, die sich wiederholen.
👉 Belastungen, die sich nicht allein durch „Verstehen“ lösen.
Ein Teil davon lässt sich nicht nur in unserer eigenen Biografie erklären. Sondern hat mit dem zu tun, was vor uns war. Es sind transgenerationale Prägungen, die manchmal über mehrere Generationen weitergegeben wird.
Das Tanz-Theater-Stück TREIBGUT von Nadja Puttner, die ich bereits seit vielen Jahren kenne, beschäftigt sich sehr persönlich und eindringlich genau damit. Sie hatte die Vision, ihre eigenen Erfahrungen mit der transgenerationalen Arbeit auch anderen zugänglich zu machen. Deshalb gestalten wir gemeinsam einen Workshop, in dem diese Themen nicht nur verstanden, sondern auch erfahrbar werden - in einem sicheren, geschützten Raum.
Es ist nicht notwendig, das Stück gesehen zu haben, um beim Workshop dabei zu sein. Doch das Stück und die Erfahrungen, die Nadja im Zuge der Erarbeitung des Stücks gemacht haben, sind Paradebeispiele dafür, wie transgenerationale Arbeit wirken kann. Deshalb war es mir wichtig, nicht nur dem Workshop, sondern auch dem Stück TREIBGUT von Nadja hier auf meinem Blog einen Raum zu geben. Denn es ist der Kontext, in dem der Workshop entwickelt wurde.
Im folgenden Interview erzählt Nadja sehr persönlich davon, wie das Stück entstanden ist, was es bei ihr bewirkt hat und was sie hofft, dass die Zuschauer für sich mitnehmen.
Sie spricht zudem über das Rahmenprogramm, das aus
einer Videoausstellung über Kärntner-Slowenische Geschichte(n) (Geschichtensammelstelle I 16 synoptische Kärtner Minidialoge von Dr. Friedemann Arbel Derschmidt),
zwei Workshops für Jugendliche ab 13 Jahren zum Thema Diktatur und Demokratie (#TREIBGUT: Mitreden - Mitbewegen.)
und andererseits aus unserem gemeinsamen Workshop #TREIBGUT: Vererbtes Trauma? besteht, und was die Teilnehmer:innen des Workshops erwarten dürfen.
Dein Tanz-Theater-Stück TREIBGUT hat am 16. April in Wien Premiere. Worum geht es darin und was hat das Stück mit transgenerationaler Arbeit zu tun?
In meiner Solo-Performance TREIBGUT geht es um eine Frau, Moira, die erfährt, dass ihre Großmutter Herta, die seit Jahren mit Alzheimer im Pflegeheim lebt, verstorben ist. Diese Nachricht löst in ihr eine Flut von Emotionen aus – und vor allem ein Lebendigwerden von transgenerational übertragenen Erinnerungen und Traumata.
Es tauchen bei der Protagonistin sowohl persönliche Erinnerungen auf – an ihre Großmutter, an die gemeinsame Kindheit in Kärnten – als auch Erinnerungen, die über Generationen weitergegeben wurden, da Herta im kärntner-slowenischen Widerstand tätig war und sowohl Krieg als auch Gefangenschaft erlebt hatte. Diese Traumata setzten sich fest durch den Mantel des Schweigens und Vergessens nach dem Krieg und können so erst von der übernächsten Generation integriert werden.

Die vorkommenden Personen im Stück sind reale Menschen – meine Großeltern und Urgroßeltern. Beide Eltern meiner Großmutter und auch meine Großmutter selbst als Teenager waren im kärntner-slowenischen Widerstand aktiv. Ihr Vater, mein Urgroßvater, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Mauthausen. Dadurch entsteht eine starke Verbindung zwischen meiner persönlicher (Familien-)Geschichte und der kollektiven Vergangenheit.
Was hat dich inspiriert und was soll es bei den Zuschauer*innen auslösen?
Das Stück wurde ursprünglich durch einen Todesfall inspiriert. Eine mir sehr nahestehende Person ist gestorben, was mich sehr getroffen hat. Eigentlich wollte ich ein Stück zur Trauerbewältigung machen, zunächst nur als Kurzarbeit.
Doch dann sind plötzlich Erinnerungen an meine Großmutter, die schon vor neun Jahren gestorben ist, sehr stark hochgekommen. Ich habe gespürt, dass ich ein Stück über sie machen muss – über Tod, Erinnerung und das, was nach einem Verlust bleibt.
Ich würde mir wünschen, dass das Stück den Zuschauer*innen erlaubt, ein Stück mehr in ihr Inneres zu schauen. Dass sie beginnen, wahrzunehmen, was in ihnen vielleicht an Belastung oder an nicht ausgesprochenen Dingen liegt – Dinge, die oft verschüttet sind.
Besonders Menschen, die mit psychischen Herausforderungen zu kämpfen haben - Ängste, Niedergeschlagenheit, blockierende Glaubenssätze - könnten dadurch vielleicht den Impuls bekommen, sich zu fragen: „Was ist da eigentlich in mir?“
Bei transgenerationalem Trauma sind oft ganze Familien über Generationen hinweg belastet. Mir wurde von einer weisen Frau einmal gesagt: Wenn ein Familienmitglied den Mut aufbringt hinzuschauen und das Schweigen zu brechen, kann die Heilung der Familie beginnen. Ich glaube, dass das sehr wahr ist – und ich hoffe, dass das Stück genau dazu inspiriert.
Was hat sich durch die Entwicklung des Stücks bei dir persönlich verändert?
Das Stück war für mich, wie bereits oben erwähnt, eine Art Trauerbewältigung. Noch bevor ich damit richtig begonnen hatte, ist eine weitere Person sehr plötzlich verstorben, eine der wichtigsten in meinem Leben. Ich habe die nun doppelte Trauer lange unterdrückt, immer wieder weggeschoben.
Erst durch die Arbeit an TREIBGUT – obwohl es eigentlich nicht um diese Person ging – konnte ich diese Trauer wirklich zulassen. Sie konnte endlich „rauskommen“, und ich konnte sie durchleben und ein Stück weit loslassen.
Das hat meinen Zugang zu diesen Verlusten verändert. Ich bin nicht mehr so überwältigt, ich falle nicht mehr so oft in diese tiefe Verzweiflung.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist meine eigene Identität. Meine Großeltern haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre slowenische Identität weitgehend abgelegt oder verleugnet. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten Kärntner Slowen*innen in Kärnten erhebliche Anfeindungen durch die deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft. Nicht selten wurden sie pauschal als „Kommunisten“ oder (gewalttätige) Partisanen diffamiert – Zuschreibungen, die zu ihrer systematischen Benachteiligung und Marginalisierung beitrugen. Sie wurde oft nur noch mit der kommunistischen Partisanenbewegung verbunden.
Ich habe das als Kind kaum bewusst wahrgenommen – außer, dass meine Großeltern manchmal slowenisch gesprochen haben. Durch die Arbeit am Stück hat sich mein Zugang dazu verändert, und ich spüre heute eine stärkere Verbindung zu diesen Wurzeln.
Durch die Beschäftigung mit dem Stück habe ich zudem Menschen mit Kärntner-slowenischem Hintergrund, die sich ebenfalls künstlerisch mit diesen Themen beschäftigen, getroffen.
Ein konkretes Projekt ist eine Installation mit Stimmen unterschiedlicher Generationen von Dr. Friedemann Arbel Derschmidt – Menschen, die slowenisch sprechen und solche, die es nicht mehr können. Diese Stimmen werden gleichzeitig und einzeln hörbar gemacht. Dadurch entsteht zunächst Verwirrung – ähnlich wie bei inneren, schwer greifbaren Erinnerungen. Gleichzeitig ermöglicht die Installation, diese „Fäden“ wieder zu entwirren. Die Installation wird parallel zum Stück als Videoausstellung zu sehen sein.
Begleitend zum Stück wird es am 9./10. Mai einen Workshop geben, in dem Teilnehmer*innen ihre eigene Familiengeschichte bearbeiten können. Wie bist du auf die Idee gekommen, so einen Workshop anzubieten und warum in dieser Form?
Meine künstlerische Arbeit hat schon lange sehr stark mit der menschlichen Psyche zu tun. Ich verarbeite darin viel Persönliches, und durch diesen Prozess passiert etwas Transformierendes – danach belastet es mich weniger als davor.
Ich habe begonnen, diese Prozesse auch mit meinen Schülerinnen zu teilen und daraus etwas entwickelt, das ich „lebendiges Theater“ nenne: ein Raum, in dem Austausch und Kommunikation die künstlerischen Prozesse bereichern – und die Teilnehmer*innen gleichzeitig etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen können.
Gerade im Bereich transgenerationaler Themen gibt es so vieles, worüber nie gesprochen wurde. Ich glaube, dass solche Workshops kleine, aber wichtige Schritte sind, um diese Themen sichtbar zu machen.
Wenn mehrere Menschen beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, kann das auch gesellschaftlich viel verändern.
Warum die Zusammenarbeit mit mir?
Wir kennen uns ja schon sehr lange, aber ich habe erst vor etwa einem Jahr wirklich verstanden, dass du Expertin für transgenerationale Arbeit bist und mit der ECHO®-Methode auch eine Methode verwendest, die vom Körper aus arbeitet.
Da wurde für mich klar, dass das eine sehr gute Kombination ist: künstlerische Arbeit auf der einen Seite und fundierte psychosoziale Begleitung auf der anderen.
Mir ist es sehr wichtig, einen sicheren Raum zu schaffen – einen Safe Space, in dem Menschen sich aufgehoben fühlen. Gerade bei so sensiblen Themen braucht es diese Sicherheit.
Was erwartet die Teilnehmer*innen im Workshop?
Der Workshop beginnt mit einer Einführung durch dich, in der eine schützende Ahnenressource aufgebaut wird – eine Art innerer Begleiter, auf den man immer wieder zurückgreifen kann.
Danach folgt der künstlerische Teil: Wir beginnen mit einer Phase des Ankommens, oft über Atmung und meditative Elemente. Dabei entstehen Bilder, Gedanken oder Impulse. Dann gehen wir in Bewegung und arbeiten mit Improvisation. Die Teilnehmer*innen entwickeln ein Körpergefühl oder eine Bewegungsqualität zu ihrem Thema.
Es gibt Solo- und Partnerarbeiten sowie Feedbackrunden, in denen nicht bewertet wird, sondern Wahrnehmungen geteilt werden. Ziel ist, dass jede Person eine eigene Bewegungssprache oder ein Muster findet. Daraus können auch Texte entstehen – Wörter, Sätze oder Geräusche. Am Ende kann daraus eine kleine Choreografie entstehen.
Es ist ein Open-Level-Workshop: Menschen ohne Tanzerfahrung sind genauso willkommen wie Fortgeschrittene und alle können auf ihrem Level profitieren.
Am Ende des tänzerischen Teils gibt es eine Reflexion und idealerweise etwas, das jede*r mitnehmen kann – sei es ein innerer Prozess oder ein künstlerischer Ausdruck.
Den Abschluss machst ja dann wieder du mit einer abschließenden Imagination in der alles, was noch offen und belastend ist, transformiert werden kann und die Teilnehmer*innen den Raum, den sie geöffnet haben, wieder gut schließen können.
Warum ist der Körper so zentral in der transgenerationalen Arbeit?
Traumata hinterlassen Spuren – nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Sie verändern das Gehirn und wirken durch epigenetische* Prozesse auch auf unser Erbgut. Dadurch können sie weitervererbt werden.
*Epigenetik ist ein Teilgebiet der Biologie, das untersucht, wie Umweltfaktoren und Lebensstil die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die zugrunde liegende DNA-Sequenz zu verändern. Sie fungiert als Steuerungsebene (wie ein Dimmer), die Gene an- oder ausschaltet und ist häufig vererbbar.
Das bedeutet: Diese Erfahrungen sind im Körper gespeichert. Das zeigt sich auch in unserer Sprache – wir sagen „es sitzt mir im Nacken“ oder „es schlägt mir auf den Magen“. Diese Muster kann man nicht rein kognitiv verändern. Sie zeigen sich als Muskelspannungen, als Haltemuster.
Und genau deshalb braucht es Bewegung. Bewegung bringt diese festgefahrenen Strukturen wieder in Fluss. Alles, was sich bewegt, kann sich verändern – und auch loslassen.
Was soll sich für die Teilnehmer*innen verändern?
Im besten Fall machen die Teilnehmer*innen einen kleinen Schritt näher zu sich selbst.
Vielleicht entdecken sie einen Teil von sich, den sie bisher nicht wahrgenommen haben, und integrieren ihn.
Es geht nicht darum, in kurzer Zeit Großes zu lösen – sondern darum, etwas zu berühren, das vorher nicht zugänglich war.
Vielleicht ist es wie die Erbse unter den vielen Matratzen der Prinzessin im Märchen: etwas Kleines, das immer gedrückt hat – und danach drückt es weniger. Das Gefühl „Das bin ich“ wird ein kleines Stück größer.




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