Warum gesunde Ablösung von den Eltern auch allen anderen Beziehungen zugute kommt - besonders der zu uns selbst
- 23. Juni
- 17 Min. Lesezeit
Was haben Schuldgefühle, Perfektionismus, Geschwisterkonflikte und die Sehnsucht nach Anerkennung gemeinsam? Sie können Ausdruck einer fehlenden emotionalen Ablösung von den Eltern sein. In diesem Artikel erfährst du, wie familiäre Aufträge unser Leben prägen – und warum es nie zu spät ist, den eigenen Weg zu finden.

Die Beziehung zu unseren Eltern begleitet uns ein Leben lang. Selbst dann, wenn wir keinen Kontakt mehr zu ihnen haben oder sie bereits verstorben sind.
Mit ihnen machen wir unsere ersten Bindungserfahrungen. Durch sie lernen wir, wie Nähe funktioniert, wie Konflikte ausgetragen werden, wie wir mit Gefühlen umgehen – und was wir glauben leisten zu müssen, um geliebt zu werden.
Ihre Stimmen begleiten uns oft weit über die Kindheit hinaus. Manchmal als ermutigende innere Begleiter. Manchmal aber auch als innere Kritiker:innen, die uns antreiben, kleinhalten oder zweifeln lassen.
Irgendwann sind diese Stimmen so vertraut geworden, dass wir kaum noch unterscheiden können: Ist das eigentlich meine eigene Überzeugung – oder die meiner Eltern? Vielleicht ist die Stimme sogar noch älter und gehört gar weiter zurückliegenden Generationen.
Gesunde emotionale Ablösung bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, obwohl ein Kontaktabbruch durchaus notwendig sein kann. Sie bedeutet, erwachsen zu werden – innerlich. Die Eltern als Eltern zu sehen und gleichzeitig zu erkennen: Mein Leben gehört mir.
Die unsichtbaren Aufträge unserer Familie
Eltern geben ihren Kindern bewusst und unbewusst Botschaften mit. Manche davon sind stärkend:
„Probier dich aus.“
„Wir glauben an dich.“
„Du darfst deinen eigenen Weg gehen.“
Andere Botschaften können zur Last werden:
„Enttäusche uns nicht.“
„Kümmere dich später um uns.“
„Mach etwas aus deinem Leben, damit unsere Opfer einen Sinn hatten.“
„Bleib in unserer Nähe.“
Manche dieser Aufträge sind älter als unsere Eltern. Sie ziehen sich durch Generationen – entstanden aus Kriegserfahrungen, Armut, Migration, Verlusten oder gesellschaftlichen Erwartungen.
Solche Loyalitäten sind nicht grundsätzlich schlecht. Wenn sie zu uns passen, können sie Halt und Identität schenken.
Ein Sohn übernimmt das Familienunternehmen und blüht darin auf. Eine Tochter lebt im Mehrgenerationenhaushalt und erlebt die Nähe als Bereicherung. Traditionen können verbinden.
Schwierig wird es dann, wenn Erwartungen nicht zu dem Menschen passen, der wir sind. Wenn Eltern ihre eigenen unerfüllten Wünsche, Ängste oder Bedürfnisse auf ihre Kinder übertragen. Wenn Kinder nicht frei werden, ihren eigenen Weg zu suchen, sondern innerlich an eine Aufgabe gebunden bleiben.
Wenn Kinder Verantwortung für die Eltern übernehmen
Vielleicht kennst du solche Situationen:
Die Eltern haben sich aufgeopfert und erwarten später, dass ihre Kinder diese Schuld zurückzahlen (wobei diese Erwartung nicht explizit ausgesprochen sein muss).
Eine Mutter empfindet jede Partnerschaft ihres Sohnes als Bedrohung.
Ein Vater reagiert gekränkt, wenn die Tochter beruflich andere Wege einschlägt.
Eltern machen ihre Kinder verantwortlich für ihr eigenes Glück, ihre Einsamkeit oder ihre finanzielle Sicherheit.
Folgen davon können sein:
Die Tochter versucht die Träume ihrer Mutter zu verwirklichen – und verliert dabei sich selbst.
Der Sohn bleibt allein, weil keine Partnerin jemals „gut genug" erscheint.
Kinder wählen den Berufsweg, den die Eltern für sie vorgesehen haben, obwohl sie selbst andere Talente oder Träume haben.
Es gibt tägliche Telefonate, sehr häufige Besuche bei den Eltern oder sogar eine gemeinsame Wohnsituation, die zu Konflikten mit der Partnerin / dem Partner bzw. der eigenen Familie führen können. Versuche die Situation zu verändern führt zu Vorwürfen, Beleidigtsein bis hin zu Kontaktabbruch seitens der Eltern.
Oftmals haben diese Menschen bereits als Kinder gelernt:
Ich muss funktionieren.
Ich darf niemanden enttäuschen.
Ich bin verantwortlich für die Gefühle anderer.
Dabei kann Parentifizierung ein Thema sein. Von Parentifizierung spricht man dann, wenn Kinder Aufgaben oder Verantwortung übernehmen, die eigentlich zu Erwachsenen gehören. Das kann praktisch sein: ein Kind kümmert sich regelmäßig um Geschwister, Haushalt, Übersetzungen, Finanzen oder Organisation, weil die Eltern überfordert sind.
Es kann aber auch emotional sein: ein Kind wird zur Vertrauensperson, Trösterin, Partnerersatz oder seelischen Stütze eines Elternteils.
Dann lernt das Kind nicht nur: „Ich helfe mit.“
Sondern:
„Ich bin verantwortlich.“
„Ich darf niemanden belasten.“
„Meine Bedürfnisse sind zweitrangig.“
„Wenn es den anderen schlecht geht, muss ich funktionieren.“
Nicht jede frühe Verantwortungsübernahme ist Parentifizierung. Kinder dürfen helfen. Kinder dürfen Rücksicht nehmen. Kinder dürfen lernen, dass auch Eltern Gefühle haben.
Problematisch wird es, wenn sich die Rollen dauerhaft verschieben. Wenn ein Kind spürt, dass die Mutter traurig ist, ist das noch keine Parentifizierung. Wenn es aber dauerhaft die Aufgabe übernimmt, die Mutter emotional zu stabilisieren, ihr Einsamkeitsgefühl zu lindern oder ihre Lebensfreude zu sichern, dann bewegen wir uns in Richtung emotionaler Parentifizierung.
Viele Erwachsene tragen solche Muster weiter, auch an ihre eigenen Kinder.
Sie fühlen sich schuldig, wenn sie eigene Wege gehen. Sie können schwer Nein sagen. Sie fühlen sich verantwortlich für die Stimmung anderer Menschen. Sie haben Angst, jemanden zu enttäuschen. Oder sie sind ständig bemüht, stark, erfolgreich und „richtig“ zu sein.
Als Kind kann dieses Verhalten sinnvoll gewesen sein. Es hat geholfen, Bindung und Zugehörigkeit zu sichern. Als Erwachsene kann es jedoch zu Erschöpfung, Schuldgefühlen, Schwierigkeiten in Beziehungen und psychischen Problemen führen.
Wenn wir von unseren Eltern etwas erwarten, das sie nicht geben können
Auch wir Erwachsenen tragen Erwartungen an unsere Eltern in uns.
Vielleicht wünschen wir uns endlich die Anerkennung, die nie gekommen ist.
Ein ehrliches „Ich bin stolz auf dich."
Eine Entschuldigung.
Die bedingungslose Liebe, nach der wir uns als Kinder gesehnt haben.
Wenn unsere verletzten inneren Kinder darauf warten, dass die Eltern uns irgendwann doch noch geben, was damals gefehlt hat, geraten wir leicht in eine Sackgasse. Denn manche Eltern können das schlicht nicht.
Nicht, weil sie böse sind. Sondern weil sie selbst verletzt, überfordert oder emotional nicht ausreichend versorgt wurden.
Dann suchen wir diese Versorgung oft stellvertretend bei Partner, Freund – oder schlimmstenfalls bei unseren eigenen Kindern. So werden Muster über Generationen weitergegeben.
Was ein altes Kinderlied über emotionale Ablösung erzählt
Ein Schlüsselmoment in meiner eigenen Geschichte war für mich die Erkenntnis, dass die Version von „Hänschen klein", die in meiner Familie gesungen wurde, gar nicht die ursprüngliche ist.
Die verkürzte Version, die in unserer Familie gesungen wurde, lautet:
Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut steh'n ihm gut, ist gar wohlgemut. Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr. Da besinnt sich das Kind, eilt nach Haus geschwind.
Als mir das bewusst wurde - zu einem Zeitpunkt, an dem ich selbst Mutter geworden war, traf mich die Symbolik.
Das Kind übernimmt Verantwortung für die Gefühle der Mutter. Es stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück und kehrt zurück, weil die Mutter traurig ist. Auch die Mutter lässt das Kind nicht wirklich ziehen.
Tatsächlich begegnet uns dieses Muster häufig: Kinder lernen, dass ihre Eigenständigkeit andere verletzt.
Die längere Version des Lieds erzählt eine andere Geschichte:
Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr. „Wünsch dir Glück!", sagt ihr Blick, „kehr nur bald zurück!" Sieben Jahr, trüb und klar, Hänschen in der Fremde war. Da besinnt sich das Kind, eilt nach Haus geschwind.
Die Mutter ist traurig. Natürlich ist sie das. Abschiede tun weh.
Und trotzdem lässt sie ihr Kind gehen.
Sie wünscht ihm Glück.
Hänschen darf seine Erfahrungen machen, seinen Weg finden und kommt später aus eigenem Wunsch zurück.
Für mich ist das ein wunderschönes Bild gelungener Ablösung:
Wir dürfen gehen. Und wir dürfen zurückkommen. Nicht aus Schuld – sondern aus Liebe.
Fallvignette 1:
Shirin David – wenn Erfolg den alten Schmerz nicht stillt
Ein besonders eindrückliches öffentliches Beispiel für diese Dynamiken zeigt für mich die Netflix-Dokumentation „Barbara – Becoming Shirin David“.
Wichtig ist mir an dieser Stelle: Ich kenne Shirin David nicht persönlich. Ich beziehe mich ausschließlich auf das, was in der Dokumentation öffentlich gezeigt und erzählt wird – und nutze es als Fallvignette, also als fachlich betrachtetes Beispiel für mögliche Muster rund um Ablösung, Perfektionismus, familiäre Aufträge und innere Kinder.
Das was ich präsentiere sind Hypothesen. In einer Beratung könnte man mit diesen Hypothesen arbeiten und schauen, ob es bei der Klientin, dem Klienten Resonanz gibt. Oder ob doch ganz andere Muster und Mechanismen am Werk sind. Denn Expert:innen für das eigene Leben sind immer die Klient:innen!
Gerade weil Shirin David eine öffentliche Person ist, lässt sich an ihrem Beispiel etwas sichtbar machen, das viele Menschen in weniger prominenter Form kennen.
Nach außen sehen wir eine enorm erfolgreiche Frau: Musikerin, Unternehmerin, Kunstfigur, Marke. Eine Frau, die polarisiert, kontrolliert, gestaltet, provoziert und offenbar sehr genau weiß, wie sie wirken möchte.
Gleichzeitig zeigt die Dokumentation eine andere Ebene: eine Frau, die unter hohem Druck steht, extrem selbstkritisch ist, Angst vor Fehlern hat und sich schwer damit tut, das eigene Erreichte wirklich innerlich ankommen zu lassen.
1. Der Auftrag: Sei stark, sei fleißig, sei erfolgreich
In der Dokumentation wird erzählt, dass Shirin David – bürgerlich Barbara Shirin Davidavicius – früh intensiv musikalisch und künstlerisch gefördert wurde. Klavier, Geige, Oboe, Ballett, Musikschule, ein eng getaktetes Programm. Die Mutter investierte offenbar viel Geld, Energie und Hoffnung in die Ausbildung ihrer Töchter.
Das Ziel: eine gute Basis für eine Karriere im Bereich klassische Musik / Ballett / Oper. Als Shirin David den deutschen Medienpreis BAMBI erhält, mit dem auch der Pianist Lang Lang in der Kategorie Klassik ausgezeichnet wird, ruft sie ihm zu: „Ich hätte du sein sollen." Mit einem Augenzwinkern, doch der Kommentar zeigt einiges über die Wünsche und Hoffnungen der Mutter.
Das kann aus Liebe geschehen. Aus dem Wunsch, den Kindern Chancen zu eröffnen. Gerade Eltern, die selbst viel entbehren mussten, wollen ihren Kindern oft Türen öffnen.
Und doch kann aus Förderung auch ein Auftrag werden:
Mach etwas daraus!
Nutze jede Chance!
Enttäusche mich nicht!
Mein Opfer soll nicht umsonst gewesen sein!
Das Kind spürt dann nicht nur Unterstützung, sondern auch Erwartung. Nicht nur: „Du darfst.“ Sondern: „Du musst.“
In Shirin Davids öffentlicher Erzählung scheint genau dieses Spannungsfeld sichtbar zu werden: enorme Disziplin, außergewöhnlicher Ehrgeiz, aber auch ein Preis. Freude und Leichtigkeit scheinen immer wieder hinter Leistung, Kontrolle und Perfektion zurückzutreten.
Sie sagt selbst, dass sie keine Zeit habe für Freunde oder eine Beziehung, denn sonst müsse sie berufliche Chancen zurückstellen und das würde sich nicht richtig anfühlen. Sie fühlt sich schuldig, wenn sie diese beruflichen Chancen nicht nutzt.
Schuld ist ein häufiges Motiv in Situationen mit fehlender Ablösung von den Eltern, merkt auch Sandra Konrad in ihrem Buch über Ablösung an. Immerhin haben Schuld und Dankbarkeit eine lange Tradition in unserer christlichen Kultur.
Shirin David zeigt ihre Dankbarkeit auch dadurch, dass sie ihre Mutter und die Familie, finanziell versorgt. An einer Stelle merkt sie an, dass ihr das viel Druck mache, weil sich so viele auf sie auch finanziell verlassen.
Sie stellt auch hier die Bedürfnisse der Mutter bzw. der Familie über ihre eigenen. Aufhören ist auch deshalb für sie keine Option. Möglicherweise begleicht sie dadurch eine Schuld, in der sie zu stehen glaubt. Denn die Mutter hat ja als Alleinerzieherin alles für die Ausbildung der Kinder geopfert.
Sandra Konrad fasst die Thematik zu Schuld und Dankbarkeit folgendermaßen zusammen (S. 73): "Kein Kind steht in der Schuld seiner Eltern, wohl aber können wir unsere Eltern lieben und ihnen dankbar sein. Im Idealfall können wir uns ihnen eng verbunden fühlen und gleichzeitig auch den Eltern zuwiderlaufende eigene Bedürfnisse wahrnehmen und gesunde Grenzen setzen - und zwar ganz ohne Schuldgefühle."
2. Fehlende Entwicklungsschritte der Mutter
Auch Eltern haben Entwicklungsaufgaben und dazu gehört, ihre Kinder Schritt für Schritt loszulassen. Dabei ist es wichtig, dass Eltern, besonders wenn Kinder älter und unabhängier werden, auch Sinn in ihrem Leben haben abseits der Kinder.
Bei der Mutter von Shirin David / Barbara scheint das zumindest von dem, was man in der Dokumentation sieht, nicht vorhanden zu sein. Sie hat ihre Kinder alleine aufgezogen und alles für ihre Kinder gegeben. Das setzt sie nun fort.
Das Leben von Shirin Davids Mutter ist Shirin David. Sie ist immer an ihrer Seite (und es gibt da noch einige andere Mütter sehr erfolgreicher Kinder, die das gleiche tun). Da Shirin außer ihrer Mutter und ihrer Schwester keine privaten Beziehungen pflegt, ist die Verstrickung noch intensiver (und fällt vermutlich auch weniger auf - ein Partner würde vielleicht dagegen aufbegehren, dass die Mutter so omnipräsent ist).
3. Die Mutter als wichtigste Kritikerin
Besonders eindrücklich sind auch die Szenen rund um Proben und Auftritte. Die Mutter filmt, schaut genau hin, kommentiert, kritisiert. Für Shirin scheint ihre Einschätzung enorm wichtig zu sein. Nicht nur Lob zählt – auch Schweigen bekommt Bedeutung.
Wenn die wichtigste Bezugsperson zugleich zur wichtigsten Kritikerin wird, kann sich im Inneren ein strenger Maßstab bilden. Dann reicht es nicht, gut zu sein. Es muss außergewöhnlich sein. Es muss fehlerfrei sein. Es muss so gut sein, dass endlich Entspannung möglich wird.
Nur kommt diese Entspannung oft nicht.
Denn der innere Kritiker bleibt aktiv, auch wenn äußerlich längst Erfolg da ist. Das sehen wir nicht nur bei prominenten Menschen. Viele Erwachsene tragen eine innere Instanz in sich, die ständig prüft:
War das genug?
War ich gut genug?
Habe ich jemanden enttäuscht?
Kann ich mich jetzt ausruhen – oder muss ich noch mehr leisten?
Für mich persönlich ist es nicht wirklich überraschend, dass Shirin David bei den Live Auftritten Ängste entwickelt. Denn ihre ursprüngliche Karriere als YouTuberin / Influencerin und Geschäftsfrau hatte nicht viel mit der Vision der Mutter für ihre Tochter zu tun und auch nicht mit dem, was sie als Kind in den diversen musikalischen Ausbildungen erlebt hat.
Die Entscheidung zu rappen und die Provokationen, mit denen die Kunstfigur Shirin David spielt, könnte man als Ablösung von dem Bild, das die Mutter für sie hatte, verstehen.
Doch mit der Weiterentwicklung als Musikerin und Künstlerin kommt sie der ursprünglichen Hoffnung der Mutter wieder näher und auch der Welt, in der sie aufwuchs. Sie muss live performen, die Töne treffen, tanzen...
Alles Dinge, die möglicherweise an Erinnerungen an frühere Erfahrungen in russischen Ballettschulen und Musikschulen wieder lebendig werden lassen. Oftmals werden die Kinder da nicht positiv motiviert, sondern es wird mit Beschämung und Angst gearbeitet.
Das sind natürlich nur Vermutungen. Es wäre interessant, was Shirin David zu diesen Hypothesen sagen würde.
4. Barbara und Shirin: Die Kunstfigur als Schutz
Eine besonders berührende Ebene der Dokumentation ist der Unterschied zwischen Barbara und Shirin.
Shirin David beschreibt Shirin als Kunstfigur. Eine Figur, die perfekt gestaltet ist. Kontrolliert. Stark. Erfolgreich. Angreifbar und unangreifbar zugleich.
Aus systemischer und innerer-Anteile-Perspektive könnte man sagen: Shirin ist möglicherweise ein Schutzanteil. Eine öffentliche Persona, die das Verletzliche schützt.
Die kleine Barbara, die vielleicht nicht genug Anerkennung bekam, die sich beweisen musste, die Schmerz, Mobbing oder Ablehnung erlebt hat, bekommt hinter dieser Figur eine Art Panzer.
Das ist zunächst eine kreative und kraftvolle Lösung.
Doch jede Schutzstrategie hat ihren Preis, wenn sie das ganze Leben übernimmt.
Wenn nur noch Shirin funktionieren darf, bleibt für Barbara wenig Raum. Für Unsicherheit. Für Müdigkeit. Für Bedürftigkeit. Für echte Freude. Für Nicht-Perfekt-Sein.
Dann schützt die Fassade – und trennt gleichzeitig vom eigenen lebendigen Kern. Das zeigt sich bei ihr dadurch, dass bei den Live Touren keine Leichtigkeit und Freude mehr aufkommen mag.
5. Der Vater: Die Sehnsucht nach Anerkennung
Über den Vater erfahren wir weniger. Aber das, was öffentlich in Liedern und in der Dokumentation anklingt, wirkt wie eine tiefe Wunde: die Sehnsucht nach einem Vater, der bleibt, sieht, anerkennt und stolz ist.
Ich verzichte hier bewusst auf längere Liedzeilen, weil sie urheberrechtlich geschützt sind.
Inhaltlich wird jedoch deutlich: Es geht um Enttäuschung, Verlassenheit, fehlende Anerkennung und die Frage nach dem Warum.
Das ist ein zentraler Punkt bei fehlender Ablösung: Manchmal bleiben erwachsene Menschen innerlich an genau jenem Elternteil gebunden, von dem sie am wenigsten bekommen haben.
Nicht, weil dort so viel Liebe war. Sondern weil dort noch so viel offen ist.
Das Kind in uns hofft weiter:
Vielleicht sieht er mich doch noch.
Vielleicht sagt er doch noch, dass er stolz ist.
Vielleicht bekomme ich irgendwann die Erklärung, die alles verständlich macht.
Wenn diese Klärung nicht kommt, weil das Elternteil es nicht kann oder, wie in Shirin Davids Fall verstorben ist, bleibt die Aufgabe irgendwann bei uns: nicht, den Schmerz zu verleugnen, sondern ihn in die eigene Obhut zu nehmen.
6. Erfolg als Versuch, endlich genug zu sein
In der Dokumentation entsteht für mich der Eindruck, dass Erfolg für Shirin David nicht einfach nur Freude, Ausdruck oder Selbstverwirklichung bedeutet. Erfolg scheint auch eine innere Funktion zu haben: Er soll etwas beweisen.
Ich bin gut genug.
Ich habe es geschafft.
Ich bin nicht wertlos.
Ich bin nicht zu viel.
Ich bin nicht falsch.
Das Problem ist: Wenn Erfolg eine alte Bindungswunde heilen soll, reicht er nie lange.
Dann können Nummer-1-Hits, ausverkaufte Arenen, Millionenpublikum, Geld, Schönheit und Kontrolle zwar kurz beruhigen – aber nicht dauerhaft nähren.
Denn die alte Frage bleibt darunter aktiv: Bin ich jetzt endlich liebenswert?
Erschwerend kommt hinzu, dass die Kunstfigur Shirin David stark polarisiert. Sie wurde bewusst als provokante, selbstbewusste und unangepasste Persona erschaffen – und zieht damit Bewunderung ebenso an wie Ablehnung.
Beim Ansehen der Dokumentation entstand bei mir der Eindruck, dass darin ein schmerzhafter innerer Widerspruch liegen könnte: Einerseits scheint Shirin David genau die Person sein zu wollen, die sie darstellt – laut, sichtbar, unbequem und anders. Andererseits wirkt es, als würde sie sich gleichzeitig wünschen, genau dafür angenommen zu werden.
Doch gerade die Menschen, die sie ablehnen, scheinen sie besonders zu treffen. Die Hasskommentare und Angriffe im Internet belasten sie sichtbar stärker, als man es angesichts ihres Erfolges erwarten würde.
Aus psychologischer Sicht könnte man die Hypothese aufstellen, dass hier zwei Ebenen miteinander verschmelzen: die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Figur Shirin David und die viel ältere Sehnsucht eines Kindes nach bedingungsloser Annahme durch seine Eltern.
Denn wenn ein Teil von uns noch immer darauf hofft, endlich vollständig gesehen, angenommen und geliebt zu werden, dann kann jede Ablehnung unverhältnismäßig schmerzhaft werden. Nicht nur, weil Menschen uns heute kritisieren, sondern weil alte Verletzungen mitberührt werden.
Die Liebe von Fans kann solche Wunden oft nur kurzfristig lindern. Und die Ablehnung durch Hater kann sie immer wieder aufreißen. Beides ersetzt nicht das, wonach sich das innere Kind ursprünglich gesehnt hat.
Langfristig liegt die Lösung deshalb meist nicht darin, noch erfolgreicher zu werden oder noch mehr Anerkennung zu bekommen. Sie liegt darin, sich den verletzten Anteilen in sich zuzuwenden und zu lernen, ihnen selbst das zu geben, was damals gefehlt hat.
Die Mutter zeigt sich gegen Ende der Dokumentation sichtbar stolz auf ihre Tochter – auch wenn Barbara einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat als den, den sie sich ursprünglich für sie vorgestellt hatte. Vielleicht kann darin etwas Heilsames liegen.
Beim Vater scheint eine solche Klärung nicht mehr möglich zu sein. Durch seinen Tod bleibt vieles offen. Die Antworten, die sich das Kind in ihr vielleicht gewünscht hätte, wird sie von ihm nicht mehr bekommen können.
Genau an diesem Punkt beginnt häufig die eigentliche Ablösung: dort, wo wir akzeptieren müssen, dass manche Bedürfnisse von den Eltern nie erfüllt werden können – und lernen, uns selbst die Fürsorge, den Trost, die Anerkennung und die bedingungslose Annahme zu schenken, nach denen wir uns so lange gesehnt haben.
7. Die Voice of Germany Kandidaten als Spiegel
Im Zuge ihrer Weiterentwicklung und Anerkennung als Musikerin und Künstlerin war Shirin David Jurorin bei The Voice of Germany.
Spannend fand ich in diesem Zusammenhang die Szenen, in denen Shirin David mit den Kandidat:innen in ihrem Team arbeitet. Mein Eindruck war: Der hohe Anspruch, den sie an sich selbst stellt, richtet sich auch nach außen.
Wenn Perfektion das eigene Überlebensmuster ist, kann fehlende Perfektion bei anderen schwer auszuhalten sein. Dann wirkt ein Fehler nicht wie ein Lernschritt, sondern wie Gefahr. Dann wird aus Förderung Druck. Aus Unterstützung Kontrolle. Aus „Ich will, dass du dein Bestes gibst“ wird möglicherweise „Bitte enttäusche mich nicht“.
Das ist ein typisches transgenerationales Muster: Was wir selbst erfahren haben, geben wir unbewusst weiter – nicht aus böser Absicht, sondern weil es sich für uns wie Wahrheit anfühlt.
Wenn ich gelernt habe, dass Erfolg nur durch Härte entsteht, werde ich Härte vielleicht für Liebe halten.
Wenn ich gelernt habe, dass Schwäche gefährlich ist, werde ich Schwäche schwer begleiten können.
Wenn ich gelernt habe, dass Fehler beschämend sind, werde ich Fehler nicht als Entwicklungsschritt sehen.
8. Der mögliche Weg: Barbara wieder Raum geben
Was wäre in so einer Dynamik heilsam?
Nicht, Shirin abzuschaffen. Diese Kunstfigur hat Kraft, Kreativität und Schutz geboten. Sie ist Teil des Erfolgs.
Aber Barbara müsste wieder mehr Raum bekommen.
Die verletzlichen inneren Kinder.
Die erschöpfte Erwachsene.
Die Frau, die nicht leisten muss, um sein zu dürfen.
Die Künstlerin, die nicht nur beweisen, sondern wieder fühlen möchte.
Tatsächlich wird das auch in der Dokumentation genau so angesprochen.
Gesunde Ablösung könnte hier bedeuten:
Den Perfektionsanspruch als alten Auftrag zu erkennen.
Die Mutter nicht mehr als höchste innere Instanz zu brauchen.
Den Vater nicht mehr innerlich um Anerkennung bitten zu müssen.
Die eigene Geschichte zu würdigen, ohne ihr ausgeliefert zu bleiben.
Sich selbst die Elternqualitäten zu geben, die gefehlt haben: Schutz, Ermutigung, Trost, Stolz, Nachsicht.
Vielleicht wäre dann nicht weniger Erfolg möglich, sondern mehr Lebendigkeit im Erfolg.
Mehr Freude. Mehr Leichtigkeit. Mehr innerer Frieden. Mehr Barbara in Shirin.
Fallvignette 2: Die Murdochs – wenn Geschwister um die Liebe des Vaters kämpfen
Ein ganz anderes Beispiel für die Folgen fehlender emotionaler Ablösung zeigt die Netflix-Dokumentation „Dynastien: Die Murdochs".
Während bei Shirin David vor allem die Beziehung zu Mutter und Vater im Vordergrund steht, wird hier sichtbar, wie stark ungelöste Eltern-Kind-Dynamiken auch Geschwisterbeziehungen prägen können.
Die deutsche Psychologin und Familientherapeutin Sandra Konrad zitiert in ihrem Buch Nicht ohne meine Eltern die Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, Sabine Walper, mit den Worten (S. 173):
„Eltern sind Architekten der Geschwisterbeziehung.“
Geschwisterbeziehungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Eltern beeinflussen durch ihr Verhalten maßgeblich, ob Geschwister einander als Verbündete oder als Konkurrent erleben.
Die Dokumentation zeichnet das Bild einer Familie, in der Rupert Murdoch seine Kinder schon früh in Konkurrenz zueinander gebracht hat.
Über Jahrzehnte blieb die Nachfolge an der Spitze des Medienimperiums offen. Immer wieder wurden Hoffnungen geweckt, Erwartungen geschaffen und wieder enttäuscht.
Wer wird Nachfolger?
Wer bekommt die Macht?
Wer wird ausgewählt?
Wer ist dem Vater am ähnlichsten?
Wer genügt seinen Ansprüchen?
Nach außen wirkt dieser Konflikt wie ein Machtkampf um Milliardenvermögen und Unternehmensanteile. Psychologisch betrachtet geht es jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit um etwas viel Tieferes.
Wenn ein Vater seine Kinder immer wieder gegeneinander antreten lässt, kämpfen sie möglicherweise nicht nur um ein Unternehmen, sondern um Anerkennung, Zugehörigkeit und Liebe.
Besonders deutlich wird dies in der unterschiedlichen Behandlung der Kinder. Die Dokumentation beschreibt Situationen, in denen einzelne Geschwister bevorzugt oder benachteiligt werden. Der älteste Sohn scheint lange als natürlicher Erbe betrachtet zu werden. Gleichzeitig wird sichtbar, dass die Tochter offenbar andere Hürden überwinden muss – nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Frau ist.
Natürlich bedeutet Gleichbehandlung nicht, alle Kinder identisch zu behandeln. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse, Talente und Herausforderungen.
Etwas anderes ist jedoch Bevorzugung.
Wenn Kinder das Gefühl bekommen, dass Liebe, Aufmerksamkeit oder Anerkennung an Leistung, Loyalität oder Konkurrenz geknüpft sind, entsteht oft ein Kampf, der bis ins Erwachsenenalter anhält.
Dann wird aus dem Bruder nicht der Bruder, sondern der Konkurrent.
Aus der Schwester nicht die Verbündete, sondern die Rivalin.
Und aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit wird ein lebenslanger Wettkampf.
Gesunde Ablösung bedeutet auch hier, sich irgendwann aus diesem Wettbewerb zu lösen. Zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, ob man ausgewählt wird. Dass man nicht die Nummer eins sein muss, um liebenswert zu sein. Und dass Geschwister häufig nicht die Ursache des Konflikts sind, sondern Mitspieler in einem System, das sie nie selbst erschaffen haben.
Was wir daraus für uns selbst lernen können
Natürlich sind die meisten von uns keine Popstars und auch keine Multimilliardäre. Wir stehen nicht vor ausverkauften Arenen, kämpfen nicht um die Kontrolle eines globalen Medienimperiums und werden nicht von Millionen Menschen bewertet.
Aber die inneren Muster sind oft erstaunlich ähnlich.
Ob es um die Sehnsucht nach Anerkennung geht, um den Versuch, endlich gut genug zu sein, um Perfektionismus, übermäßige Verantwortung oder um Konkurrenz zwischen Geschwistern – häufig wirken im Hintergrund noch immer alte familiäre Aufträge und Loyalitäten bzw. negative Bindungserfahrungen.
Und diese können unsere Partnerschaften, die Beziehung zu unseren Kindern, zu unseren Geschwistern und auch zu Freunden beeinflussen. Dann, wenn unser inneres Kind von unserem Partner bedingungslose Liebe und Verständnis erwartet, wenn wir Beziehungsmuster an unsere Kinder weitergeben oder wenn wir mit unseren Geschwistern immer noch in der Rivalität um die Liebe und Aufmerksamkeit unserer Eltern gefangen sind.
Daher lohnt sich der Blick auf die Frage:
Wessen Auftrag erfülle ich eigentlich gerade?
Ist das wirklich mein Weg?
Reagiert hier mein erwachsenes Ich?
Oder versuche ich noch immer, jemandem zu beweisen, dass ich liebenswert bin?
Je besser uns gesunde Ablösung von den Eltern gelingt, desto positiver wirkt sich das auch auf alle unsere anderen Beziehungen aus. Nicht zuletzt auf die zu unseren Eltern. Selbst wenn sie schon verstorben sind oder wir den Kontakt abgebrochen haben und nicht vorhaben, ihn wieder aufzunehmen.
Gesunde Ablösung bedeutet nicht Gleichgültigkeit
Viele Menschen haben Angst davor, sich von ihren Eltern abzulösen. Sie befürchten, egoistisch zu werden. Undankbar. Loyalitätslos.
Doch gesunde Ablösung bedeutet nicht:
die Eltern abzuwerten,
den Kontakt abzubrechen (wobei das durchaus eine gesunde Grenze sein kann),
die eigene Herkunft zu verleugnen.
Sie bedeutet vielmehr:
die Eltern als Menschen mit ihrer Geschichte zu sehen,
Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen,
Grenzen setzen zu dürfen,
alte Verletzungen ernst zu nehmen,
Mitgefühl zu entwickeln – auch für sich selbst.
Es geht darum, aus dem kindlichen Warten auszusteigen. Nicht mehr darauf zu hoffen, dass die Eltern sich verändern müssen, damit wir endlich frei sein können.
Sondern uns selbst das zu geben, was wir heute brauchen.
Wie Veränderung möglich wird
Das klingt einfacher, als es ist. Denn gerade bei unseren Eltern haben wir oft blinde Flecken.
Manche von uns sind übermäßig loyal und verteidigen alles. Andere gehen in starke Abwertung und Wut. Beides kann Ausdruck einer noch nicht abgeschlossenen Ablösung sein.
Der Weg dazwischen ist oft herausfordernd.
Es braucht Trauer darüber, was gefehlt hat.
Wut darüber, was verletzt hat.
Mitgefühl für die eigenen inneren Kinder.
Und irgendwann vielleicht auch die Erkenntnis, dass unsere Eltern selbst einmal Kinder waren, die nicht das bekommen haben, was sie gebraucht hätten.
Veränderung bedeutet nicht, die Vergangenheit schönzureden. Sondern ihr die Macht zu nehmen, unsere Gegenwart weiterhin unbewusst zu bestimmen.
Du darfst dein eigenes Leben leben
Vielleicht ist gesunde Ablösung genau das:
Zu erkennen, dass du deine Eltern lieben kannst, ohne ihr Leben leben zu müssen.
Dass du dankbar sein kannst für das Gute – und gleichzeitig Grenzen setzen darfst.
Dass du die Verletzungen deiner Kindheit ernst nehmen darfst, ohne für immer in ihnen gefangen zu bleiben.
Dass du aufhören darfst, auf die perfekte Mutter oder den perfekten Vater zu warten.
Und beginnen kannst, dir selbst eine gute Mutter und ein guter Vater zu werden.
Mit mehr Nachsicht.
Mit mehr Mitgefühl.
Mit mehr innerer Freiheit.
Denn wenn wir uns aus alten Verstrickungen lösen, entsteht Raum. Für Beziehungen auf Augenhöhe. Für mehr Leichtigkeit. Für echte Verbundenheit.
Und vielleicht auch für das, wonach wir uns tief im Inneren sehnen:
Frieden mit unserer Geschichte – ohne dass sie unsere Zukunft bestimmen muss.
Wenn du diesen Weg nicht alleine gehen möchtest
Die Arbeit mit Familienmustern, Loyalitäten und Bindungserfahrungen gehört zu den großen Stärken des systemischen Ansatzes. Gemeinsam können wir sichtbar machen, welche alten Aufträge heute noch wirken, welche inneren Stimmen dich begleiten und wie du Schritt für Schritt mehr Freiheit in deinem eigenen Leben gewinnen kannst.
Denn Ablösung bedeutet nicht, die Verbindung zu verlieren.
Sie bedeutet, dich selbst zu finden.
Weiterführende Literatur
Sandra Konrad (2026): Nicht ohne meine Eltern. Wie gesunde Ablösung alle Beziehungen verbessert – auch die zu den Eltern. Piper Verlag, München




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