top of page

Krafttiere und andere hilfreiche Wesen - esoterischer Humbug oder sinnvolle Ressourcen?

  • Autorenbild: Barbara Pramböck
    Barbara Pramböck
  • vor 1 Tag
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Spätestens seit größeren Betrugsfällen wird Schamanismus öffentlich meist mit Skepsis betrachtet. Doch was passiert, wenn wir genauer hinschauen – jenseits von Spott, Naivität und Heilsversprechen? Dieser Artikel ist bewusst ausführlich. Nicht, um zu überzeugen, sondern um zu differenzieren, einzuordnen und Raum für eine eigene Haltung zu öffnen.


Frau mit dem Krafttier Eule - eine weise Verbündete.
Frau mit dem Krafttier Eule - eine weise Verbündete.

Gestern habe ich im Falter einen Artikel zu Schamanismus entdeckt. Der Titel: "Schamanen in Österreich / Krafttiere, Trommeln und die Geister, die sie riefen"¹.


Schamanismus wird in Österreich medial oft sehr kritisch betrachtet. Dazu tragen nicht zuletzt Betrugsfälle bei, über die besonders ausführlich berichtet wird – zuletzt etwa der Fall der selbsternannten Schamanin Mariana M. alias „Amela“, die 2025 wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs per europäischem Haftbefehl gesucht wurde. In der Folge wurde sie von der Wiener Gesellschaft für kritisches Denken für den Negativpreis „Das goldene Brett vor dem Kopf“ nominiert, was der Tageszeitung Der Standard gleich mehrere Artikel wert war².


Der Falter-Artikel bezieht sich auch auf diesen Fall, geht aber einen Schritt weiter und wagt ein journalistischen Selbstexperiment. Positiv ist: Der Artikel versucht, dem Schamanismus grundsätzlich eine Chance zu geben und lässt unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Dennoch wird bereits in der Einleitung stark auf den Betrugsfall Bezug genommen, und insgesamt überwiegen Skepsis und Distanz.


Auffällig ist zudem: Es kommen zwar Praktizierende zu Wort, aber keine Klient:innen, die von ihren Erfahrungen berichten, außer eine der Journalistinnen, die sich für den Artikel auf eine Krafttierreise begibt.


Gerade diese Perspektive wäre jedoch zentral. Denn sie berührt eine grundlegende Frage: Ist das, was Klient:innen in einer schamanischen Reise erleben, in irgendeiner Weise hilfreich und nützlich?


„Wirklichkeit ist das, was wirkt?“ – eine verkürzte Debatte

Würden diese Klient:innen (abgesehen von einer der Autorinnen im Selbstversuch) zu Wort kommen, hätte der Artikel aber vermutlich gleich ein Totschlagargument bereit. Denn er zitiert einen Autor, der sich kritisch mit moderner Esoterik beschäftigt: „Wirklichkeit ist das, was wirkt! Hilft die Schamanin bei einem Leiden, dann muss es auch diese magische Welt geben. So beweisen sich die Patienten unbewusst selbst, dass diese höheren Wirklichkeiten existieren.“3


Als psychosoziale Beraterin und als jemand, die schamanische Praktiken kennt, halte ich diese Argumentation für verkürzt. Sie übersieht eine wesentliche Differenzierung: zwischen Menschen, die sich selbst als „Schaman:innen“ bezeichnen und Heilsversprechen abgeben bzw. Dinge FÜR die Klient:innen tun oder wahrnehmen, und jenen, die schamanisch praktizieren und schamanische Methoden wie Trommelreisen oder Imaginationen nutzen, um die inneren Ressourcen der Klient:innen zu aktivieren und Selbstheilungskräfte zu unterstützen.


Für Letzteres ist es weder notwendig, an „höhere Wirklichkeiten“ zu glauben, noch sie beweisen zu wollen. Klient:innen müssen nicht glauben – sie müssen sich lediglich offen auf eine Erfahrung einlassen. Aber: wenn ich mich auf den Prozess schwer einlassen kann und vielleicht auch unter Stress stehe, dann funktionieren weder Imaginationen noch schamanische Reisen gut, was vielleicht erklärt, warum die Autorin aus dem Falter-Selbstexperiment nicht besonders überzeugt ist von ihrer Erfahrung.


Gleichzeitig ist es aber auch eine Bestätigung, dass ja offensichtlich das, was die Klient:innen erleben (ihre eigene Wirklichkeit) wirkt. Was völlig in Einklang mit dem ist, was der systemische Ansatz in Beratung und Psychotherapie postuliert, nämlich, dass jeder von uns seine eigene Wirklichkeit erschafft. Manchmal sind die Wirklichkeitskonstruktionen, die wir haben, wenig hilfreich und da unterstützt psychosoziale Beratung beim Hinterfragen und verändern dieser Wirklichkeitskonstruktionen (z.B. bei starren Glaubenssätzen, die mich behindern oder einschränken).


Im Falle der schamanischen Reise wirkt aber möglicherweise tatsächlich die Wirklichkeit (oder der Glaube) des Klienten, der Klientin. Nicht nur so, dass die Klient:innen sich die Heilung durch die schamanische Reise erklären und deshalb zwei nicht miteinander korrelierende Ereignisse verknüpft werden (so wie bei den Störchen und den Babys), sondern einfach dadurch, dass durch das innere Erleben, die eigene innere Wirklichkeit, Selbstheilungskräfte und Ressourcen aktiviert werden.


Es heißt ja, der Glaube versetzt Berge. Spannend dazu ist auch das Buch des Mediziners, Autors und Komikers Eckart von Hirschhausen "Wunder wirken Wunder - Wie Medizin und Magie uns heilen", in dem er darüber schreibt, dass Placebo-Knieoperationen genauso gut wirken wie tatsächliche Operationen (in einer Doppel-Blind-Studie untersucht). Er stellt zudem in diesem Buch gleich in der Einleitung fest, dass die Wissenschaft zwar die Magie aus der Medizin vertrieben hätte, nicht aber aus uns Menschen.4


Mentales Erleben wirkt – unabhängig vom Weltbild

Die Neurowissenschaft zeigt seit Jahrzehnten: Das Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen realer und vorgestellter Erfahrung. Deshalb funktioniert Mentaltraining so gut. Motorische Leistungen lassen sich z.B. allein durch mentales Üben signifikant verbessern – niemand würde Spitzensportler:innen und Musiker:innen deshalb esoterischen Hokuspokus vorwerfen. Allerdings wird auch das magische Denken im Bereich des Sports durchaus für Höchstleistungen genutzt. So kann eine "Gewinnersocke" und andere Rituale, die Sportler vor wichtigen Wettkämpfen nutzen, die Leistung stabilisieren.5


Imagination und auch hilfreiche Wesen haben sowieso in Psychotherapie und Beratung einen fixen Platz. So arbeitet die deutsche Traumatherapeutin Luise Reddemann häufig mit inneren hilfreichen Wesen, die bei Einsamkeit und Hilflosigkeit unterstützen und trösten können.⁶ Auch in einem beliebten therapeutischen Kartenset mit Ressourcenübungen für Erwachsene findet man die Arbeit mit dem Krafttier und mit inneren hilfreichen Wesen.7 In einem häufig genutzten Therapie-Tools Buch zur Ressourcenaktivierung wird eine Übung vorgestellt, bei der man sich einem der vier Element verbinden soll, um die Energie des jeweiligen Elements für sich zu erfahren und idealerweise neue Ressourcen zu aktivieren. Etwas, das im schamanischen Kontext einen ganz wichtigen Stellenwert hat.8


Ein Unterschied zur schamanischen Reise liegt unter anderem im Grad der Steuerung: Während Mentaltraining und Imagination relativ gezielt Inhalte vorgibt, lässt eine schamanische Reise Bilder, Empfindungen und Begegnungen offener entstehen – allerdings nicht ohne Rahmen. Eine klare Intention oder Fragestellung ist zentral, ebenso ein sicherer Einstieg und Abschluss.


Die schamanische Landkarte: eine symbolische Ordnung

Die schamanische Weltsicht geht von einer Dreiteilung der alternativen Wirklichkeit aus, die ich über eine schamanische Reise betrete:


  • Untere Welt: Ort der Krafttiere, teilweise auch der Ahnen oder abgespaltener Seelenanteile (was Parallelen zu Dissoziationskonzepten im Traumakontext aufweist).

  • Mittlere Welt: unsere Alltagswelt – in der Reise können hier Natur- und Ortsgeister erscheinen, aber auch das jüngere Ich.

  • Obere Welt: Begegnungen mit Ahnen, Lehrer:innen oder anderen „höheren“ Wesen.


Diese Ebenen sind weder moralisch gut noch böse. Erst spätere religiöse Deutungen – etwa im Christentum – haben daraus Himmel und Hölle gemacht.

Zentral ist dabei die Annahme: Alles ist beseelt. Tiere, Pflanzen, Orte, Elemente.


Ob man diese Begegnungen als Ausdruck von Intuition, innerer Weisheit oder als eigenständige geistige Wesen versteht, ist meiner Ansicht nach zweitrangig – solange die Erfahrungen sinnvoll, stärkend und dem eigenen wie dem allgemeinen Wohl dienlich sind.


Beseeltes Weltbild und ökologische Krise

Besonders dem allgemeinen Wohl könnte die schamanische Weltsicht sogar sehr guttun. Der Wissenschaftshistoriker Lynn White Jr. argumentierte bereits 1966, dass die ökologische Krise ein anderes Weltbild erfordere als das stark anthropozentrische christliche Denken. Er verwies auf Franz von Assisi und dessen allbeseelte Sicht auf die Welt, die sehr schamanisch anmutet. 9


Heute würde wohl eher der Schamanismus ein möglicher Weg sein. Denn wenn ich Respekt und Achtung vor der Natur habe, weil ich erlebt habe, wie ich in Verbindung gehen kann, dann könnte das einiges verändern. Ähnliche Ideen habe ich schon in Artikeln wie GEO und National Geographic gesehen (finde aber leider die Artikel nicht mehr).


Reisen für andere – ein sensibles Feld

Schamanische Traditionen kennen auch Reisen für andere Menschen. So wie wir zum Arzt gehen und der uns sagt, was wir haben, funktioniert das in traditionellen schamanischen Kulturen ähnlich. Der Schamane, die Schamanin reist in die alternative Wirklichkeit und findet die passende "Medizin" für die Klient:innen.


In unserem kulturellen Kontext ist dabei meiner Ansicht nach jedoch große Vorsicht geboten. Wahrnehmungen sind immer durch die eigene Biografie und Symbolwelt gefärbt, durch die Kultur, in der wir aufgewachsen sind, durch die Filme, die wir gesehen haben, die Bücher und Geschichten, die wir als Kinder gehört haben. Es gibt wenig gemeinsame Sprache und Symbolwelt zwischen Schaman:innen und Klient:innen.


Selbst wenn jemand eine ausgiebige Lehrzeit bei einem "echten" Schamanen hatte, passiert das innerhalb einer bestimmten Tradition. Der mongolische Schamanismus unterscheidet sich in der Vorstellungswelt gewaltig von den Vorstellungen der Diné in Nordamerika... Es gibt nicht DEN Schamanismus, sondern viele verschiedene Traditionen, die eine sehr unterschiedliche Symbolwelt haben.


Gemeinsam ist lediglich, dass der Schamane, die Schamanin die Mittlerin und Reisende zwischen dieser Welt und einer alternativen Wirklichkeit ist, in der Geistwesen leben, die Vorstellung, dass alles beseelt ist und auch die Wichtigkeit und der Einbezug der Elemente10.


Eine Reise für andere kann Sinn machen, wenn Menschen selbst nicht reisen können bzw. nichts wahrnehmen. Aber: eine solche Reise sollte – wenn überhaupt – nur als offenes Angebot verstanden werden, nicht als objektive Wahrheit.


Auch ist die Entwicklung zum Schamanen, zur Schamanin eine, die jahrelang, ja prinzipiell ein Leben lang dauert. Es kann auch nicht jeder Schamane, Schamanin werden, sondern es bedarf einer Initiation, häufig ist das eine "Schamanenkrankheit", also eine schwere Krankheit, die eine Veränderung bewirkt.


Schamanismus in Europa ist immer aus dem ursprünglichen kulturellen Kontext gerissen, da durch das Christentum alles, was es bei uns an schamanischen Traditionen gibt oder gab, entweder stark verändert und dem Christentum angepasst oder aber brutal ausgemerzt wurde. Es gibt bei uns keine Regeln und Normen für diese Art der Arbeit und auch keine gesetzlichen Regelungen oder Kontrollinstanzen.


Deshalb kann sich jemand, der ein Wochenendseminar besucht hat, Schamane nennen. Was jedoch nicht heißt, dass nicht viele, die sich als Schamanen bezeichnen, wirklich eine intensive langjährige Ausbildung bzw. viele Ausbildungen hinter sich haben und gute Arbeit machen. Es ist nur sehr viel schwerer zu beurteilen und die Gefahr, dass etwas eher schadet als hilft, ist unverhältnismäßig größer.


Aber: Ein zentraler Vorteil schamanischer Praktiken liegt gerade darin, dass Menschen selbst Erfahrungen machen können. Deshalb würde ich im Zweifel immer dazu raten, jemanden zu suchen, der schamanisch praktiziert und unterstützt dabei, eigene Erfahrungen zu machen. Sowieso ist es immer ratsamer, selbst aktiv zu werden. So kann eine Massage ganz wunderbar sein, aber eine Physiotherapie wird immer nachhaltiger wirken. Oder, ein anderer Vergleich: eine Schönheits-OP KANN mir mit meinem Selbstwert helfen, wird aber wahrscheinlich das tiefer liegende Problem nicht beseitigen.


Und da sind wir dann wieder zurück beim eigentlichen Thema. Ist denn das nun esoterischer Humbug oder sind es sinnvolle Ressourcen, die wir z.B. in einer Krafttierreise oder Ahnenreise bekommen? Denn auch dazu schweigt sich der Artikel aus. Wissenschaftliche Untersuchungen, die genannt werden, beschäftigen sich mit dem Stresslevel, nicht aber damit, was Klient:innen später damit im Alltag anfangen. Ob ihnen diese Begleiter eine Hilfe sind.


Krafttiere: zwei Perspektiven

Dazu muss man wieder ein bisschen ausholen, denn: Was sind denn eigentlich Krafttiere? Hier kann man zwischen einer schamanischen und einer psychologischen Sichtweise unterscheiden.


Schamanische Sicht: Ein Krafttier ist ein eigenständiger geistiger Verbündeter mit eigener Weisheit und Präsenz, der den Menschen begleitet und stärkt.

Psychologische Sicht: Ein Krafttier ist ein inneres Symbol, das Ressourcen, Qualitäten oder Schutz repräsentiert und bewusst in Beratung oder Therapie genutzt wird.


Diese Unterscheidung gilt ebenso für Ahnen-Guides, Engel oder andere hilfreiche Wesen. Welche Sichtweise ich darauf habe, ist aber meiner Meinung nach gar nicht wirklich relevant. Entscheidend ist nicht das Weltbild, sondern die Wirksamkeit als Ressource.


Im therapeutischen Kontext werden Krafttierreisen und Imaginationen, in denen andere hilfreiche Wesen vorkommen, meist als angeleitete Imagination ohne Trommel durchgeführt – und sie wirken. Studien zeigen jedoch auch, dass monotones Trommeln Trancezustände begünstigt und Gehirnwellen beeinflusst11. Auch sind Rituale und Spiritualität wichtige Ressourcen und Elemente in Therapie und Beratung.12


Warum also nicht nutzen, was unterstützt – vorausgesetzt, es geschieht transparent und verantwortungsvoll?


Haltung, Verantwortung und Grenzen

Problematisch wird es dort, wo Begleiter:innen ihre eigene Weltsicht über jene der Klient:innen stellen oder Abhängigkeiten erzeugen. In Österreich sind energetische und beratende Angebote rechtlich getrennt – aus gutem Grund.


Energetische Settings folgen einer anderen Logik als Beratung oder Therapie. Dort ist es oft Teil des Konzepts, dass jemand „für“ andere wahrnimmt oder deutet. Wer so ein Angebot in Anspruch nimmt, glaubt zumeist an die Wirksamkeit, auch wenn diese nicht wissenschaftlich bestätigt werden kann oder eine Untersuchung der Methode schwierig bis unmöglich ist.


In der psychosozialen Beratung hingegen gilt: Die Deutungshoheit liegt bei den Klient:innen. Begleiter:innen geben Impulse vor, es geht jedoch um die Wirklichkeit und die Lösungen der Klient:innen (wobei hier eine schamanische Reise eigentlich grundsätzlich wunderbar reinpasst, denn es ist ja das, was die Klient:innen selbst erleben und interpretieren - vorausgesetzt sie reisen selbst; außerdem gehört das schamanisch Praktizieren eigentlich nicht ins Energetiker-Gewerbe - das nur am Rande). Zudem sind die Methoden und Interventionen zumeist wissenschaftlich untersucht bzw. untersuchbar.


Gerade bei Menschen in Krisen kann eine Vermischung problematisch werden. Implizite Autorität („Ich weiß, was deine Reise bedeutet“) kann Abhängigkeiten fördern – unabhängig davon, ob das beabsichtigt ist oder nicht. Auch können Deutungen durch jemand anderen Ängste und Unsicherheit auslösen. Gerade "Verschreibungen" durch jemand Dritten sind mit Vorsicht zu genießen. Denn, was passiert, wenn man sich nicht daran hält? Hier ist man schnell bei der Nocebo-Wirkung (das Gegenteil des Placebo-Effekts) anstelle der gewünschten positiven Verstärkung.


Auch ist die Abstinenz ein Problem. Abstinenz bedeutet, dass meine persönlichen Überzeugungen und Meinungen den Prozess mit den Klient:innen nicht stören sollen (weshalb ich als Beraterin oder Therapeutin auch keine Ratschläge gebe, sondern mit Klient:innen die Lösungen erarbeite, die zu den Werten und Überzeugungen meiner Klient:innen passen). Deshalb ist es wichtig, dass Klient:innen nicht zu viel über uns wissen, was ihren Prozess irritieren könnte.


Um schamanische Reisen anzuleiten brauche ich ein Naheverhältnis zum Schamanismus, der zudem von vielen mit einer Religion verwechselt wird. Es ist etwas ganz anderes, ob ich eine Meditation anleite oder eine schamanische Reise begleite. Das kann einen Beratungsprozess mit jemanden, der das als gefährlich oder als Humbug betrachtet oder auch schlicht etwas anderes glaubt, behindern, selbst wenn ich als Beraterin meine Weltsicht ansonsten gar nicht in den Prozess einbringe.


Eine Frage, die sich jedenfalls immer lohnt zu fragen: Dient die Art, wie die Methode genutzt wird, der Selbstermächtigung und der Stärkung der Klient:innen – oder eher dem Machterhalt der Begleitperson?


In jedem Fall würde ich sehr genau prüfen, wen ich mir aussuche, wenn ich die Verantwortung für meine Heilungsprozesse - ob seelischer oder psychischer Natur - an jemand anderen auslagere. Denn nachhaltige Veränderung gelingt am besten von innen und nicht von außen.


Persönliche Erfahrung und professionelle Integration

Ich selbst erlebe hilfreiche Wesen – ob psychologisch oder schamanisch verstanden – als äußerst stärkende Ressourcen. Ein Krafttier kann Ruhe, Erdung, Mut und vieles andere verkörpern und im Alltag konkret unterstützend wirken. Es ist immer präsent und immer an unserer Seite, wenn wir die Beziehung kultivieren (d.h. immer wieder mit dem Tier in Verbindung gehen) - z.B. indem wir ein Bild davon zeichnen oder ausdrucken und gut sichtbar aufhängen, uns eine Schleich-Figur als Repräsentant holen oder die Visualisierung mit einem körperlichen Anker verbinden (z.B. mir eine Hand aufs Herz legen, o.ä.).


In meiner Beratungspraxis arbeite ich mit Imaginationen und inneren Begleitern, jedoch nicht schamanisch. In Frauenkreisen integriere ich bewusst schamanische Elemente wie Trommeln oder Räuchern – immer mit einer Brücke zur Wissenschaft. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch der Körper und auch uralte Körpererinnerungen (immerhin hatten wir alle, weit in der Vergangenheit, Vorfahren, die mit dem Klang der Trommel am Feuer saßen) noch stärker eingebunden werden.


Denn letztlich können beide Wege – der psychologische und der schamanische – zu ähnlichen Ressourcen führen, wenn sie achtsam und verantwortungsvoll eingesetzt werden. Der Kontext ist ein anderer, nicht der Wert.


Fazit

Schamanische Praktiken und hilfreiche Wesen sind weder per se Humbug noch per se sinnvolle Ressourcen. Sie können sehr kraftvoll sein – wenn Selbstermächtigung im Vordergrund steht, professionelle Grenzen gewahrt bleiben und kein Abhängigkeitsverhältnis entsteht.


Diese Unterscheidung verdient mehr Raum in der öffentlichen Debatte, die insgesamt differenzierter ablaufen sollte. Menschen, die schamanisch praktizieren und zudem eine psychosoziale Ausbildung haben, können das beste aus zwei Welten verbinden und gerade Menschen, die sich sonst schwertun, eine Imagination zu machen, einen alternativen Weg in ihre inneren Welten aufzeigen. Denn die Trommel sowie Rauchwerk und Rituale sind starke Verbündete, die andere Ebenen ansprechen als die Sprache, die wir bei Imaginationen nutzen.


Obwohl Eckart von Hirschhausen ein absoluter Verfechter der Wissenschaft ist, stellt auch er fest, nachzulesen in einem Artikel in der Zeit: "Wir haben ein Bedürfnis nach Ritualen, Spiritualität und Sinngebung. In einer säkularisierten Welt wird Gesundheit zur Ersatzreligion. Und die "Priester" beziehen die Glaubensbereitschaft der Patienten stärker ein, wenn sie mit Reiki und Kügelchen arbeiten – was ja sinnvoll sein kann." Während er sich da auf einen medizinischen Kontext bezieht, gilt das auch für das psychosoziale Feld.


Es macht Sinn, die Wirksamkeit für die Klient:innen und den psychologischen Nutzen zu untersuchen, anstatt alles pauschal als Humbug abzutun. Immerhin schreibt selbst die Ärzte-Zeitung in einem Artikel von 2013: "[...] Schamanen sind und waren keine unwissenden Trottel, es waren in der Tat weise Männer und Frauen, die sehr geschickt die stärkste Medizin zu verabreichen wussten, derer sie habhaft werden konnten: Zuwendung, Imagination und Glauben."


Fußnoten

  1. Kreil, C. (2025): Blog Stiftung Gurutest - Wenn der Schamanismus ehrlich zaubert, DerStandard, veröffentlicht am 23. Oktober 2025, aufgerufen am 19.02.2026:

    https://www.derstandard.at/story/3000000293127/wenn-der-schamanismus-ehrlich-zaubert

    und DerStandard (2025): Die Schamanin Amela steht im Finale für das Goldene Brett vorm Kopf, veröffentlicht am 17. Oktober 2025, aufgerufen am 19.02.2026: https://www.derstandard.at/story/3000000292469/die-schamanin-amela-steht-im-finale-fuer-das-goldene-brett-vorm-kopf

  2. Goldenberg , A. et al. (2025): Krafttiere, Trommeln und die Geister, die sie riefen, Falter 8 / 2025, veröffentlicht am 18. Februar 2026, aufgerufen am 19.02.2026: https://www.falter.at/zeitung/20250218/krafttiere-trommeln-und-die-geister-die-sie-riefen

  3. Thomas Fischler, Autor von New Cage - Esoterik 2.0 (2017) in Goldenberg , A. et al. (2025): Krafttiere, Trommeln und die Geister, die sie riefen, Falter 8 / 2025, veröffentlicht am 18. Februar 2026

  4. von Hirschhausen, E. (2016, S. 189): Wunder wirken Wunder - Wie Medizin und Magie uns heilen, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg und ebd. S. 11

  5. z.B. Driskell, J. E., Copper, C., & Moran, A. (1994). Does mental practice enhance performance? Journal of Applied Psychology, 79(4), 481–492; Witte, S. (2026): Sportpsychologie - Wie Athleten "magisches Denken" nutzen – und was wir davon lernen können, GEO, veröffentlicht am 18. Jänner 2026, aufgerufen am 19.02.2026: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/wie-athleten--magisches-denken--nutzen---und-was-wir-davon-lernen-koennen-37033946.html

  6. Reddemann, L. (2001): Imagination als heilsame Kraft, Leben Lernen 288, Klett-Cotta, Stuttgart

  7. Gräßer, M. (2019): Ressourcenübungen für Erwachsene, Beltz Verlag, Weinheim, Basel

  8. Gruber, T. (2020): Therapie-Tools - Ressourcenaktivierung, Beltz Verlag, Weinheim, Basel

  9. White, L. Jr. (1967). The Historical Roots of Our Ecologic Crisis, Science (Vol 155, Issue 376)

  10. Stern, D. (2025): Geschichte und Kultur - Kommt, gute Geister!, National Geographic, aktualisiert am 29. Juni, aufgerufen am 19.02.2026: https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2017/11/kommt-gute-geister/

  11. z.B. Hüels et al. (2021): Neural Correlates of the Shamanic State of Consciousness, Frontiers in Human Neuroscience 15, S. 1-15; Gingras, B. et al. (2014): Exploring Shamanic Journeying: Repetitive Drumming with Shamanic Instructions Induces Specific Subjective Experiences but No Larger Cortisol Decrease than Instrumental Meditation Music, PLOS One 14(7), S. 1-9

  12. z.B. Welter-Enderlin, R. und Hildebrand, W. (2002): Rituale - Vielfalt in Alltag und Therapie, Carl-Auer Systeme Verlag, Heidelberg; Brentrup, M. (2015): Rituale und Spiritualität in der Psychotherapie, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen

  13. Müller, T. (2013): Leitartikel zum Placebo-Effekt: Von Schamanen lernen, Ärzte Zeitung, veröffentlicht am 22. Oktober 2013, aufgerufen am 19.02.2026:

    https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Von-Schamanen-lernen-292686.html

 
 
 

Kommentare


bottom of page