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Volksschulstart: Veränderungen brauchen Zeit

Autorenbild: Barbara Pramböck
Barbara Pramböck
vor 34 Minuten
8 Min. Lesezeit

Wir sind gerade in der Mitte der zweiten Schulwoche. Das Lernen beginnt. Die Nachmittagsbetreuung. Der Alltag. Oder? Gerade in der ersten Klasse Volksschule beginnen jetzt jedoch oft die Probleme. Die Freude über den Schulanfang,weicht der Erkenntnis, dass das jetzt so weitergeht mit dem Lernen, Stillsitzen, früh Aufstehen... Manche Kinder tun sich schwer mit dem Ankommen. Was in diesem Fall am besten helfen kann, darum geht es in diesem Blogbeitrag.


Aller Anfang ist schwer.
Aller Anfang ist schwer.

Die Ausnahmesituation der ersten Schulwoche ist vorbei. Jetzt fängt er wirklich an, der "Ernst des Lebens", wie viele Tanten, Onkel, Großeltern und andere Erwachsene gerne betonen.


Die Kinder sollen Buchstaben lernen - möglichst drei pro Woche - und gleichzeitig müssen sie sich in einem völlig neuen sozialen Gefüge zurechtfinden. Neue Freundschaften schließen. Mit der Jause auf die große Pause warten, auch wenn sie schon in der 9-Uhr Pause Hunger haben, weil es im Kindergarten da immer Frühstück gab. Stundenlang stillsitzen und ruhig sein. Auch beim Mittagessen, für das manchmal nur zwanzig Minuten bleiben, und am Nachmittag.


Wenn die Kinder zu laut sind, wird ihnen möglicherweise der Ausflug in den Park oder in den Hof gestrichen. Wenn sie "brav" sind, bekommen sie Süßigkeiten. Weil unser System immer noch mit Belohnung und Bestrafung funktioniert.


Dass das nicht unbedingt sinnvoll ist (unruhige Kinder werden nicht dadurch ruhiger, dass sie weiterhin stillsitzen müssen, sondern die Bewegung im Park könnte helfen, die überschüssigen Energien abzubauen), ist klar, doch Lehrer*innen und Nachmittagsbetreuer*innen haben eben auch unterschiedliche Ressourcen und pädagogische Hintergründe.


Unsere Regelschule ist nicht kindgerecht, das wissen wir, doch irgendwie müssen die Kinder da durch, wenn wir entschieden haben, dass unsere Kinder in eine solche Schule gehen sollen. Und wir Eltern auch.


Die Frage ist nur, wie begleite ich sie da am besten?


Kleiner Spoiler-Alert: Wie immer helfen wir ihnen am besten, wenn wir selbst die Ruhe bewahren, ihnen Zeit geben und möglichst viel Vertrauen in sie haben, dass sie das schaffen werden. Vorausgesetzt, es gibt nicht gravierende Themen, die besser gleich gelöst werden.


Kinder sind völlig verschieden - auch in der Anpassung an neue Situationen


Der Volksschulstart und die Schwierigkeiten, die damit einhergingen, sind mir von meiner Tochter noch in guter Erinnerung. Auch sehe ich in Social Media und bei mir in der Beratung, wie viel Sorgen sich Eltern in dieser Phase machen.


Es gibt immer wieder Hilferufe:

„Mein Kind weint jeden Morgen, bevor es in die Schule muss.“

„Mein Kind weint in der Schule, weil es mich vermisst. Im Kindergarten war das schon lange kein Thema mehr."

„Es will plötzlich nicht mehr in die Schule, dabei hat es sich doch so gefreut.“

„Die Lehrerin sagt, es kann sich nicht gut konzentrieren.“

„Mein Kind kann nicht gut stillsitzen und stört den Unterricht."

„Zu Hause ist es nach der Schule völlig erschöpft.“

„Zu Hause haben wir jeden Tag ein Drama, weil es völlig ausrastet wegen Kleinigkeiten."

„Alle anderen scheinen schon angekommen zu sein – nur bei uns klappt es nicht.“


Und hinter vielen dieser Fragen steckt eine große Sorge:

Kann mein Kind in diesem System Schule richtig „funktionieren“?

Ist das noch „normal“?


Oft kommen da bei den Eltern Ängste hoch, die der Situation gar nicht unbedingt angemessen sind. Da macht es manchmal Sinn, die Angst, die aufsteigt, genauer zu hinterfragen.


Welche ganz konkreten Ängste und Sorgen stecken dahinter?

Und wie realistisch sind diese?


Denn genauso, wie ein Kindergartenkind, das andere Kinder beißt oder schlägt, nicht automatisch zu einem Schlägertypen heranwächst, heißt es nicht, dass Kinder, die sich am Anfang der Volksschule schwertun, automatisch zu Schulabbrechern werden (und was ist denn überhaupt die Konsequenz des Schulabbrechens? Doch auch nicht automatisch, dass man unter der Brücke landet...) oder im Leben nichts schaffen werden.


Manchmal haben diese Ängste auch gar nichts mit uns selbst zu tun, sondern sind über Generationen weitergegeben. Da macht es Sinn sich zu fragen, ob die Ängste einem selbst gehören, oder ob man sie vielleicht „geerbt“ hat. Denn wenn der Bruder des Opas die Schule abgebrochen hat und es mit ihm danach „bergab“ ging (was auch immer das dann bedeutet), können solche Familienerzählungen eine starke unbewusste Kraft entwickeln.


Auch hilft es, sich zu vergegenwärtigen, was sich entwicklungspsychologisch gerade tut. Immerhin sind die Kinder in dem Alter gerade in der sogenannten „Wackelzahnpubertät“, in der sich gerade wieder viel verändert und neben den Zähnen eben auch die Seele ordentlich gebeutelt wird.


Generell gilt deshalb: Schulanfänger müssen nicht gleich funktionieren (auch wenn die Schule / die Lehrperson etwas anderes vermittelt). Sie dürfen erst einmal ankommen. Und das kann durchaus bis Weihnachten dauern.


Klingt ewig lang, fühlt sich auch ewig lang an, doch es macht sehr viel Sinn, den Kindern bis dahin Zeit zu geben. Denn Kinder sind völlig verschieden. Nicht nur in dem, was sie schon alles können, sondern auch darin, wie schnell sie sich an neue Situationen anpassen können.


Wo ist eigentlich die Eingewöhnung?


Im Kindergarten ist der Begriff „Eingewöhnung“ längst selbstverständlich. Wir wissen, dass ein kleines Kind Zeit brauchen kann, um eine neue Umgebung kennenzulernen, Vertrauen zu einer neuen Bezugsperson aufzubauen und sich dort sicher zu fühlen.


Mit dem Schuleintritt scheint diese Idee plötzlich zu verschwinden. Am ersten Schultag sind die Eltern vielleicht noch dabei (auch nicht immer) – und kurz darauf sollen die Kinder den neuen Alltag möglichst selbstständig bewältigen.


Für viele funktioniert das gut. Aber manche Kinder würden aber auch mit sechs oder sieben Jahren noch eine behutsamere Eingewöhnung brauchen.


Dass unser Schulsystem diese meist nicht vorsieht, bedeutet nicht, dass mit diesen Kindern etwas nicht stimmt. Ein Kind, das morgens weint, Mama oder Papa vermisst oder nach der Schule völlig erschöpft ist bzw. regelmäßig ausrastet, muss deshalb nicht automatisch ein Problem haben. Es kann schlicht ein Kind sein, dessen System gerade sehr viel Neues verarbeiten muss.


Zeit geben – aber nicht alles aussitzen


Das bedeutet allerdings nicht, jedes Problem monatelang auszusitzen.


Wenn Eltern grundsätzlich das Gefühl haben: Die Schule passt, die Lehrperson passt, mein Kind fühlt sich eigentlich wohl und es entwickelt sich langsam in die richtige Richtung, dann darf man darauf vertrauen, dass Ankommen ein Prozess ist.


Wenn sich hingegen früh ein sehr deutliches Gefühl einstellt, dass etwas grundsätzlich nicht passt, kann auch ein rascher Wechsel sinnvoll sein.


Dabei sollte eine Stimme keinesfalls vergessen werden: die des Kindes.


Wie erlebt es die Situation? Was macht ihm Angst? Was gefällt ihm? Gibt es bereits Kinder, bei denen es sich wohlfühlt? Wie erlebt es die Lehrperson? Was würde ihm helfen?


Kinder können solche Entscheidungen nicht alleine treffen. Aber sie sollten – ihrem Alter entsprechend – miteinbezogen werden.


Manchmal brauchen vor allem die Eltern Unterstützung


Wenn das eigene Kind jeden Morgen weint, nicht in die Schule gehen möchte oder die ersten Rückmeldungen der Lehrperson schwierig sind, löst das, wie oben bereits erwähnt, auch bei Eltern viel aus.


Sorge. Hilflosigkeit. Vielleicht Schuldgefühle. Manchmal auch die Angst: Haben wir die falsche Schule gewählt? Haben wir etwas übersehen? Wird mein Kind Schwierigkeiten bekommen?


Kinder spüren diese Unsicherheit sehr genau.


Eine der hilfreichsten Möglichkeiten, ein Kind in dieser Phase zu unterstützen, kann deshalb sein, selbst wieder mehr Ruhe und Sicherheit zu gewinnen.


Genau hier kann Elterncoaching sehr hilfreich sein. Nicht, weil Eltern etwas falsch machen, sondern weil es leichter ist, einem Kind Sicherheit zu vermitteln, wenn man die eigenen Sorgen sortieren und die Situation mit etwas Abstand betrachten kann.


Auch Coaching für Kinder kann eine Möglichkeit sein – beispielsweise wenn es darum geht, mit Ängsten umzugehen, Selbstvertrauen aufzubauen oder Strategien für schwierige Situationen zu entwickeln.


Muss mein Kind jetzt schon getestet werden?


Gerade wenn in den ersten Schulwochen Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Konzentration, Verhalten oder Lernen auffallen, taucht schnell die Frage nach einer psychologischen Austestung auf.


Hier würde ich – sofern keine deutlichen Gründe für eine rasche Abklärung sprechen – zunächst etwas Zeit geben.


Denn eine Austestung ist für ein Kind ebenfalls eine neue Situation und kann zusätzlichen Stress bedeuten. Gleichzeitig befindet sich das Kind gerade in einer Phase, in der ohnehin sehr vieles neu ist. Verhalten, das in den ersten Schulwochen auffällt, muss daher nicht automatisch zeigen, wie ein Kind langfristig im Schulalltag zurechtkommen wird.


Sehr hilfreich kann aber bereits zu diesem Zeitpunkt ein Elterngespräch mit einer Kinderpsychologin oder einem Kinderpsychologen sein.


Dabei lässt sich gemeinsam überlegen: Sind die Beobachtungen etwas, das zeitnah genauer abgeklärt werden sollte? Oder könnten sie zunächst eine Reaktion auf die große Umstellung sein? Was sollte weiter beobachtet werden? Und welche Unterstützung könnte dem Kind jetzt schon helfen?


So muss man weder vorschnell diagnostizieren noch berechtigte Sorgen einfach abtun.


Kleine Dinge, die eine Eingewöhnung erleichtern können


Nicht immer braucht es große Maßnahmen. Oft sind es kleine Anker, die einem Kind Sicherheit geben.


Ein kleines Stofftier in der Schultasche kann an Zuhause erinnern. Ein gemeinsames Mama-Kind- oder Papa-Kind-Armband kann die Botschaft vermitteln: Wir sind miteinander verbunden, auch wenn wir gerade nicht zusammen sind. Eine kleine Nachricht oder Zeichnung in der Schultasche kann zwischendurch Mut machen.


Manche Familien erleben auch ätherische Öle beziehungsweise einen vertrauten Duft als beruhigendes Ritual. Wichtig ist dabei natürlich, auf eine kindgerechte und sichere Anwendung sowie auf die Regeln der Schule Rücksicht zu nehmen.


Wenn es organisatorisch möglich ist, kann es manchen Kindern guttun, in der ersten Zeit noch nicht oder noch nicht täglich in die Nachmittagsbetreuung zu gehen. Ein Schultag ist gerade zu Beginn enorm anstrengend.


Zu Hause helfen häufig Ruhe, Vorhersehbarkeit und Struktur. Besonders Kinder, denen Konzentration oder Reizverarbeitung schwerfallen, profitieren davon, nach der Schule nicht sofort das nächste Programm absolvieren zu müssen.


Auch der Lärmpegel in einer Klasse kann für sensible Kinder sehr belastend sein. In Absprache mit der Lehrperson können beispielsweise geräuschreduzierende beziehungsweise Noise-Cancelling-Kopfhörer in bestimmten Situationen eine Möglichkeit sein.


Und noch etwas kann erstaunlich viel verändern: Freundschaften.


Andere Kinder nach Hause oder auf den Spielplatz einzuladen, kann helfen, schneller Kontakte aufzubauen. Denn nur weil sie jetzt in der Schule sind, finden sie nicht automatisch von alleine neue Freunde. Manche Kinder ja, andere brauchen mehr Unterstützung. Ein vertrautes Gesicht am nächsten Morgen macht aus einer fremden Klasse plötzlich ein kleines Stück mehr „meine Klasse“.


Eltern und Lehrpersonen sollten keine Gegner sein


Wenn Schwierigkeiten auftreten, entsteht leider manchmal sehr schnell ein Gegeneinander.

Die Lehrperson sagt: „Ihr Kind kann sich kaum konzentrieren.“ Das Kind sagt zu Hause: „Aber es ist immer so laut.“ Die Eltern denken: „Die Lehrerin versteht mein Kind nicht.“


Alle drei Wahrnehmungen können gleichzeitig einen wahren Kern haben.


Deshalb finde ich es wichtig, das Feedback der Lehrperson ernst zu nehmen und gleichzeitig auch die Wahrnehmung des Kindes ernst zu nehmen.


Nicht: Wer hat recht? Sondern: Was sehen wir jeweils – und was können wir daraus gemeinsam für dieses Kind ableiten?


Im Idealfall entsteht ein Miteinander zwischen Elternhaus und Schule. Eltern kennen ihr Kind seit Jahren. Lehrpersonen erleben es wiederum in einem Kontext, den Eltern kaum beobachten können: in einer Gruppe mit vielen anderen Kindern und unter schulischen Anforderungen.


Beide Perspektiven sind wertvoll.


Sollte man jedoch große Schwierigkeiten im Umgang oder mit der Art der Lehrperson haben, zahlt es sich aus zu schauen, wie kommt das Kind zurecht? Gar nicht selten haben die Eltern größere Probleme mit den Lehrer*innen als die Kinder.


In dem Fall kann es Sinn machen, den Partner oder auch die Oma oder den Opa zu einem Gespräch zu schicken, falls es denen leichter fällt, mit der Lehrerin oder dem Lehrer konstruktiv zu sprechen.


Ankommen ist kein Wettrennen


Weil es so wichtig ist, zum Schluss noch einmal die wichtigste Message dieses Beitrags: Kinder dürfen Zeit brauchen bei der Umstellung auf die Volksschule. Geduld ist hier oft der Schlüssel.


Sie dürfen Mama und Papa vermissen. Sie dürfen nach der Schule müde sein. Sie dürfen eine Zeit lang überfordert wirken. Sie dürfen noch nicht wissen, wie man sich in einer Klasse zurechtfindet. Und sie müssen nicht nach wenigen Tagen genauso selbstverständlich durch den Schulalltag marschieren wie ein Kind, dem Übergänge schon immer leichtgefallen sind.


Wir können beobachten. Wir können begleiten. Wir können Unterstützung holen. Und wir können handeln, wenn wir merken, dass etwas tatsächlich nicht passt.


Aber wir müssen nicht jede Schwierigkeit sofort beseitigen oder diagnostizieren.


Manchmal besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, einem Kind zu vermitteln:

Du musst das noch nicht alles können. Du darfst hier erst einmal ankommen. Und wir begleiten dich dabei.


Denn auch wenn es im Stundenplan nicht vorgesehen ist: Für manche Kinder sind die ersten Wochen der Volksschule vor allem eines – ihre ganz persönliche Eingewöhnungszeit.


Wenn auch du gerade unsicher bist …


Vielleicht merkst du, dass der Schulstart deines Kindes auch bei dir selbst viele Sorgen auslöst. Du fragst dich, ob du noch abwarten solltest, ob dein Kind zusätzliche Unterstützung braucht oder ob vielleicht sogar die Schule nicht die richtige ist.


Im bindungs- und beziehungsorientierten Elterncoaching können wir gemeinsam sortieren, was gerade passiert: Was braucht dein Kind – und was brauchst du, um es in dieser neuen Situation möglichst ruhig und sicher begleiten zu können?


Manchmal braucht es gar keine schnelle Lösung. Sondern zunächst jemanden, der mit einem von außen auf die Situation schaut und dabei hilft, wieder klarer zu sehen.


Wenn du dir Unterstützung wünschst, kannst du gerne ein kostenloses 15-minütiges Kennenlerngespräch mit mir vereinbaren. Die Beratung ist in meiner Praxis in Wien-Hietzing oder online möglich.



 
 
 

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