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Den Körper neu entdecken

  • Autorenbild: Barbara Pramböck
    Barbara Pramböck
  • 12. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025

Vor kurzem habe ich das Buch „Organisch“ von Giulia Enders gelesen – und es war für mich eine echte Offenbarung. Enders eröffnet darin einen neuen Blick auf den Körper: nicht als Maschine, die funktionieren muss, sondern als komplexes, fühlendes System, das mit uns zusammenarbeitet.



Das berührt mich auch in meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin, denn viele Menschen erleben ihren Körper als etwas, das sie „im Griff haben“ oder „optimieren“ müssen – und lehnen ihn ab, sobald er nicht mehr funktioniert. Giulia Enders stellt dieses alte, patriarchale Denken auf den Kopf: Der Körper ist kein Diener des Geistes, sondern ein gleichwertiger Partner. Eine Beziehung auf Augenhöhe, in der Respekt und Mitgefühl möglich werden.


Ein neuer Blick auf den Körper

Enders ist Wissenschaftlerin – und genau das macht ihr Buch so kraftvoll. Sie bringt Forschung und eine kooperative, beziehungsorientierte Sichtweise zusammen. Damit tut sie für den Körper, was Peter Wohlleben für die Bäume getan hat (ein deutscher Förster, der über das Leben der Bäume schreibt): Er zeigt uns, dass auch sie fühlen, kommunizieren, sich gegenseitig stützen.


Beides sind Einladungen, unsere moderne, kontrollierende Sichtweise zu verändern – hin zu einer Haltung, die an das erinnert, was der Schamanismus schon lange lehrt: Alles ist beseelt, alles steht in Beziehung – auch unsere Körperteile, unsere Zellen, unser Herz.


Verbindung zur systemischen Beratung

In der systemischen Beratung geht es genau darum: Beziehungen sichtbar zu machen – auch zu uns selbst. Eine wichtige Methode dafür ist die Externalisierung. Das bedeutet, wir betrachten ein Thema oder Gefühl als etwas Eigenständiges außerhalb von uns, mit dem wir in Beziehung gehen können. Zum Beispiel: „Wenn die Angst eine Person wäre, wie würde sie aussehen? Ist es möglich, sie näher heran zu holen oder weiter weg zu schicken? Was braucht es dafür?"  oder, in Bezug auf den Körper: „Was würde mein Körper mir sagen, wenn er sprechen könnte?“. Dadurch entsteht Abstand, der uns hilft, uns weniger mit dem Problem zu identifizieren. Oft zeigt sich dann etwas Überraschendes, vielleicht sogar Heilsames.


Ebenso arbeitet Giulia Enders mit einem Perspektivwechsel, der in der Systemik Reframing genannt wird. Dabei bekommt ein Verhalten oder Symptom einen neuen Rahmen, also eine neue Bedeutung. Was zunächst als „schwierig" gilt, wird in einem anderen Licht zu einer Ressource oder einem Schutzmechanismus. Viele meiner Klient:innen merken in diesem Moment: „Ich will diesen Teil gar nicht loswerden – nicht in seiner Gesamtheit. Der Nutzen soll erhalten bleiben, lediglich das Blockierende, Behindernde soll sich verändern.“


Der Körper als Spiegel – eine persönliche Erfahrung

Wie kraftvoll neue Deutungen sein können, habe ich selbst erlebt – in einer Cranio-Sitzung mit meiner Freundin und Kollegin Denise . Ich klagte über eine verstopfte Nase, und sie fragte mich: „Welchen Nutzen könnte das haben?“ Spontan sagte ich: „Dann purzeln meine Gedanken nicht so schnell raus.“ (Zu dem Zeitpunkt war ich gerade eine Woche auf Arbeitsurlaub, um meine Website und die Einreichung für die Gewerbebehörde fertig zu machen und mein Hirn war schwer überlastet.)


Das klang erst absurd, führte mich aber zu einem alten Thema: meiner Angst vor Vergesslichkeit (mein Vater hatte Alzheimer). Als meine Freundin mir einen anderen Blick auf das Thema anbot, nämlich Vergesslichkeit als Form der Ausdehnung, konnte wurde meine Nase tatsächlich kurz darauf frei. Vielleicht ein Zufall, doch für mich ein recht eindrucksvoller. Jedenfalls habe ich seitdem eine neue Beziehung zu meiner Vergesslichkeit.


Diese kleine Veränderung im Denken war ein neuer Möglichkeitsraum – ein Begriff aus der systemischen Arbeit, der beschreibt, dass neue Perspektiven neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Es ging nicht mehr darum, das Symptom „wegzumachen“, sondern es zu verstehen und dadurch besser annehmen zu können. Denn vor der Veränderung kommt die Erkenntnis und das Annehmen der Situation. Erst dann gelingt das Loslassen (schau Dir dazu auch gerne mein Video zum Thema Loslassen im Blogbeitrag zu den Sperrnächten an).


Körperwissen in der Beratung nutzen

Auch in der psychosozialen Beratung arbeite ich gerne und viel mit dem Körper – z. B. in Strukturaufstellungen mit Bodenankern, wie der Timeline oder dem Tetralemma. Dabei werden Positionen im Raum eingenommen, die helfen, unbewusste Dynamiken körperlich zu spüren. So können Kopf und Körper wieder miteinander sprechen – und der Körper darf endlich mitreden.


In meinen Frauenkreisen nutze ich ebenfalls körperorientierte Methoden und kann da auch noch ein bisschen weiter ausholen als das in der Beratung möglich ist. Dort nutze ich Rauchwerk, Klang, Bewegung, Zeichnen, intuitives Schreiben (die Tätigkeit des Schreibens ohne Abzusetzen ist ja auch ein körperlicher Prozess, durch den man stärker an das Unterbewusstsein rankommt) und andere Methoden, um weg aus dem Kopf in die Verkörperung zu kommen.


Denn häufig ist es der Körper, der zuerst signalisiert: „So geht es nicht mehr weiter.“ Wenn wir seine Sprache verstehen, können wir mitfühlender mit uns selbst werden. Manchmal braucht es dafür nur einen neuen Blick – oder, wie Giulia Enders sagt, die Erinnerung daran, dass unser Körper unser ältester, treuester Verbündeter ist.


Fazit: Neue Geschichten für uns und unseren Körper

Was Giulia Enders für den Körper und Peter Wohlleben für die Natur tun, geschieht auch in der Beratung: Wir erzählen neue Geschichten. Denn – das lehrt der narrative Ansatz in der Systemik – wir gestalten unsere Wirklichkeit durch Erzählungen. Wenn wir unsere Beziehung zum Körper verändern, verändern wir damit auch unsere Geschichte über uns selbst.


Dein Impuls:

  • Was wäre, wenn dein Körper nicht dein Gegner, sondern dein größter Unterstützer wäre?

  • Welche seiner Signale würdest du dann anders – vielleicht mit mehr Mitgefühl – betrachten?


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